Goaßerstolz & Huarnfiich

Ziegen gehören zum Passeier wie Andreas Hofer und Speck. Rund 6.000 leben hier, gemeinsam mit 9.000 Menschen. Und das in Zeiten, in denen niemand mehr eine Goaß braucht und die Ziegenhaltung keinen Gewinn bringt.

Passeier ist eine Hochburg der Ziegen. Jede vierte Ziege Südtirols lebt hier. Seit einigen Jahren ist die "Passeirer Gebirgsziege" eine offizielle Rasse. Aber die Psairer Goaß gibt es nicht: Vielfältige Farbkombinationen machen verschiedene Abstammungen sichtbar. Das tut dem Stolz der Züchter keinen Abbruch.

Über 300 Goaßer gibt es im Tal, davon sind über 40 Frauen. Warum es gerade in Passeier so viele Ziegen gibt, lässt sich nicht erklären. Höhepunkte im Goaßer-Jahr sind die Ziegenausstellungen, die wie Misswahlen ablaufen: Bärte biegen, Fell kämmen, Hörner polieren... Wie "a schiane Goaß" auszusehen hat, ist ein Trend, den in Südtirol vor allem die Passeirer setzen.

Fatal für die Zucht ist es, wenn ein „schiacher Pock“ mit einer „schianen Goaß“ verkehrt. Zur Vermeidung einer unerwünschten Liasion trugen Ziegenböcke früher „Bockhosen“. Sicherer war da das „Ooziëchn“ (Kastrieren). Trotzdem bleibt die Zucht ein Glückspiel, und deshalb wahrscheinlich interessant. Der Goaßer weiß nie, wie die Kitze werden: einfärbig, stroolit (Stahlenzeichnung am Kopf) oder gånsit (hell-dunkle Mantelfärbung) bzw. "bloob" (grau-bläulich), "roat" (rötlich), "geel" (gelblich), "pråntlt" (dunkelbraun), "griislt" (grau-braun), "verbrennt" (beige), schwarz oder "liecht" (weiß). 

Die verschiedenen "Goaß-Typen", Untergruppen und Farbkombinationen, die die Goaßer-Sprache kennt, sind selbst für Einheimische mit gutem Dialektverständnis verwirrend.  

Zur schönen Ziege gehört auch eine Schelle. Schellen sind Schmuck, Signalinstrument, Besitzkennzeichen, Ehrengabe, Lärminstrument und Souvenir. Sie sind außerdem der Stolz der Goaßer und begehrtes Sammelobjekt. Schellen von alten bekannten Schmieden sind rar. Sie erzielen Preise von 2.000 Euro oder mehr. Eine Besonderheit sind die alten Schellbögen aus Nussbaumholz mit Blechverzierungen. Heute sind Lederriemen gebräuchlich. Die älteste Passeirer Viehschelle ist übrigens über 1000 Jahre alt.

 

Anders als die friedfertigen Schafe, die geschlossene Herden bilden, haben die gewitzten Ziegen einen individuellen und widerspenstigen Charakter. Kein Goaßer, der nicht auf seine Lieblinge schimpft und sie verflucht. Schließlich sind sie immer dort, wo sie nicht sein sollen. Verständlich, dass „Huarnfiich“ (verfluchtes Vieh) in Passeier so etwas wie ein zweiter Name für die Goaß ist. Obwohl das Fluchwort mitunter von den Goaßern nicht so gemeint ist. Sind sie doch auch stolz darauf, dass ihre Goaße einen eigenen „Grint“ (Kopf) haben.