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Zwischen Geschichte & Dichtung

Der Historiker und Autor Carlo Romeo im Interview

Foto: Klaus Gufler.

Der Historiker und Autor Carlo Romeo im Interview

 
 

Am 24. April 2026 gab Carlo Romeo im MuseumPasseier Einblicke in die Entstehungsgeschichte seines Romans „Auf den Spuren des Banditen Karl Gufler“, den er 1993 auf Italienisch veröffentlicht hat. Die Veranstaltung wurde unterstützt durch die Bildungsausschüsse St. Martin und St. Leonhard und war Teil des Begleitprogramms zur Sonderausstellung „Was man sehen will – Passeier und seine Partisanen“.

 
 

Carlo, erzähl bitte kurz zu dir und wie du Karl Gufler „kennengelernt“ hast!
Ich bin ein echter „Waltscher“ aus Bozen, mein Vater war 1942 während des Krieges von Messina nach Südtirol gezogen. Meine Mutter, die in Frankreich als Tochter einer Familie aus Karnien geboren wurde, war kurz zuvor nach Bozen gekommen. Ich bin also ein Kind vieler Vermischungen, die aus der Migration entstanden sind. Ich bin jedoch von Natur aus ein sesshafter Mensch, „dove lo metti, lo sto“. So lebe ich in dem selben Haus, in dem ich geboren wurde und unterrichte an dem selben Gymnasium, an dem ich selbst Schüler war. Das erste Mal von Karl Gufler gehört habe ich 1985. Ich studierte an der Katholischen Universität Mailand und schrieb meine Abschlussarbeit über den Zweiten Weltkrieg. Ein wichtiges Kapitel war das über den italienischen und deutschen Widerstand. Mein Vater war Arzt und ein großer Geschichtsliebhaber. Zu seinen Patienten zählte Toni Kaser und Friedl Volgger. Sie versorgten mich dann mit vielen Informationen und Materialien, in denen auch der Deserteur Karl Gufler aus Passeier auftauchte.

Wie bist du mit Passeier in Kontakt gekommen?
Nach meinem Studienabschluss fügte es sich, dass das Priesterseminar Johanneum in Dorf Tirol einen Italienischlehrer suchte. Ich nahm die Stelle an und blieb dort ganze fünf Jahre. Das waren für mich wichtige Jahre, denn das war meine erste echte Begegnung mit Südtirol. In meiner Freizeit dachte ich hin und wieder an Karl Gufler, weil er mich neugierig gemacht hatte. Damals hatte ich nur sehr wenige Anhaltspunkte. Sehr bewegt hatte mich der anonyme Artikel der Dolomiten von 1947 zu Karl Guflers Tod und die Gufler-Bande. Seit diesem Artikel war viel Zeit vergangen und die Figur von Karl Gufler war in Vergessenheit geraten. Mehrere meiner Schüler am Johanneum stammten aus dem Passeiertal und so bat ich sie, mit ihren Großeltern zu sprechen und sie zu fragen, ob sie etwas über Gufler Karl wüssten. Viele berichteten mir Eindrücke, Meinungen und Anekdoten, die zwar nützlich, aber natürlich lückenhaft waren.

Mit welchen Passeirerinnen und Passeirern hast du damals über Karl Gufler gesprochen?
Eine Person, die ich unbedingt erwähnen muss, ist Erwin Raffl, mein Kollege am Johanneum. Er war ein sehr sympathischer Priester und unterrichtete Naturwissenschaften. Er stammte aus St. Leonhard und seine Mutter hatte Karl Gufler gut gekannt. Sie war sogar mehrmals Opfer von Diebstählen durch Gufler geworden. Er sammelte viele Informationen, weil er selbst neugierig auf Gufler Karl geworden war. Es war Erwin Raffl, der unter den Älteren von Passeier die ersten Bruchstücke zu Gufler zusammentrug: Er erzählte mir von Karls Bruder, der Geige spielte, von Karls Leidenschaft für Musik und Tanz, von seinem fröhlichen Wesen, immer zu Späßen aufgelegt. Es war Raffl, der mir zum ersten Mal Guflers typische Redewendung „Schlag an Auge außer“ erzählte. Raffl selbst wusste nicht, was das bedeutete. Es war auch wahres Glück, dass ich zu der Zeit Leopold Steurer kennenlernte, der eine umfangreiche Forschung zu den Deserteuren durchführte, aus der später das Buch „Verfolgt, verfemt, vergessen“ hervorging. Das Glück war also, dass Poldi mir in jenen Jahren jedes Detail weitergab, das er über Gufler ausfindig machte, unter anderem auch die Erzählung von David Dissertori, der gemeinsam mit Gufler aus der Strafkompanie in Ungarn geflohen war.

Wie hast du das Buch geschrieben?
Es war nicht einfach, einen chronologischen Faden zu spinnen. Jemand hatte mir gesagt, der Roman erinnere an ein Drehbuch, mit schnellen abgehackten Szenen. Und das stimmt, die Arbeit bestand vor allem darin, historische Dokumentation und Erzählung miteinander zu verweben. Manchmal wird das Geschehen aus der Perspektive der Figuren betrachtet, doch gleich darauf kommen Zeugenaussagen aus dem „Partisanenprozess“ ins Spiel, manchmal wird die selbe Szene von verschiedenen Zeugen ganz unterschiedlich geschildert. Eine der Notizen, die ich geschrieben und immer noch aufbewahrt habe, ist zum Beispiel zur Feier der Partisanen am 2. Mai 1945: „Gufler incontra Schiefer a San Martino e lo invita in casa di Hofer Luis, portare vino, ore 19, carne di maiale e vitello.“ Ich nahm all diese Details zusammen, um eine Idee zu bekommen, wie die Szene im Roman sein könnte. Das Kapitel, wie Karl Gufler und Anton Platter festgenommen werden, ist eines der ersten Teile, die ich geschrieben habe. Hier bin ich von einer völlig subjektiven Perspektive ausgegangen, ja geradezu von einem Traum bzw. einem Albtraum, um dann zum dokumentierten Zeugnis zu kommen.

Du hast mal gesagt, du seist kein Schriftsteller, sondern ein Historiker. Warum ist aus der Geschichte von Karl Gufler ein Roman entstanden?
Das habe ich mich damals selbst oft gefragt. Es ist als wäre der Roman von selbst entstanden. Ich wollte so viele Dinge auf einmal erzählen: Die historische Rekonstruktion, einen Gerichtsfall, eine menschliche und psychologische Geschichte, und schließlich auch die Geschichte meines Interesses an dieser Geschichte. Nur die Form des Romans konnte dies alles fassen. Mein großer Dank gilt Martha Verdorfer, die den Roman gemeinsam mit Dominikus Andergassen ins Deutsche übersetzt hat, das war ein ganz großes Geschenk.

Die deutsche Ausgabe „Flucht ohne Ausweg. Auf den Spuren des Banditen Karl Gufler“ heißt das Buch in der Neuauflage von 2026 nun „Der Partisan“. Warum hast du den Titel geändert?
Das erste, italienischsprachige Buch hat den Titel „Sulle tracce di Karl Gufler, il bandito“. Nachdem alle von Gufler gesagt hatten, er sei ein Bandit, habe ich gesagt: OK, wir verwenden den Begriff Bandit und werden allerdings erkennen, dass er ein sehr interessanter Bandit gewesen ist. Dieser Untertitel ist bei allen drei Auflagen gleich geblieben. Für die jüngste Ausgabe habe ich „Der Partisan“ verwendet, weil Erwin Raffl hatte mir mal gezeigt, dass beim Todeseintrag von Karl Gufler im Sterbebuch von St. Martin als Beruf „Partisan“ eingetragen ist. Das klang für mich unglaublich. Auch in den Dokumenten habe ich gefunden, dass man im Tal diesen Begriff Partisan verwendete, sowohl positiv als auch negativ: Also habe ich gesagt, nehmen wir Partisan als Titel, denn es ist Teil von Karl Guflers Identität.

Und eine letzte Frage: Hatte Karl Gufler tatsächlich einen Schäferhund?
Nein, das ist eine reine Erfindung, aber ich erzähle gerne, wie es dazu gekommen ist. Es gibt eine Zeitspanne im Leben von Karl Gufler, über die es keine Quellen gibt. Vom Mai 1943, als er desertiert ist, bis zu seinem ersten dokumentierten „furto“, weiß ich nicht, wo er gewesen ist oder was er gemacht hat. Ich nehme an, dass er sich versteckt gehalten hat, vielleicht auch alleine, und da habe ich an den Ausdruck „solo come un cane“ gedacht. So ist Karl Gufler im Roman „auf seinen Hund gekommen“!

 
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