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Die King

Arbeitsplatzbeschreibung einer ehemaligen Fabrik in St. Martin.

 

King: Für manche ein Royal, ein Rockidol oder Fast Food. Für viele Passeirer*innen ein ehemaliger Arbeitsplatz, an dem – powered by women – Spiralfedern produziert wurden. Alle Fotos: MuseumPasseier.

Arbeitsplatzbeschreibung einer ehemaligen Fabrik in St. Martin

 

Von Judith Schwarz

 

Beim Wort KING haben Frauen meist Charles, Kong oder einen Löwen im Sinn, Männer eher Elvis und einen Burger. In St. Martin hingegen denken gar einige Frauen an Franz-Josef und an Federn. 1962 siedelte nämlich der bundesdeutsche Unternehmer Franz-Josef King (1919–1993) mitten in St. Martin eine Zweigstelle seiner Spiralfedernfabrik aus dem Schwarzwald an. Er beschäftigte anfangs zirka 20 Mitarbeiter*innen, später an die 200. Der Großteil waren einheimische Frauen, die kleine Federn mit großer Geduld in der Fabrik oder in Heimarbeit bearbeiteten.

„Eine Gute hat 8.000 am Tag gemacht“, erzählt Karl Pichler, Jg. 1937. Er fing 1967 bei King Italia an und wurde später Vorarbeiter. Andrea Steiner, die 30 Jahre lang beim Biegen und Wickeln wortwörtlich den Dreh raus hatte, denkt zurück: „Wenn du jemandem Spiralfedern gesagt hast, dann hat sich niemand was vorstellen können. Und wenn du nur Federn gesagt hast, dann sind sie mit den Hennenfedern gekommen. Ja, das ist so gewesen“.

Die beiden haben dem Museum Spiralfedern geschenkt. Eine erstaunlich bunte, vielfältige und filigrane Sammlung. Der Drahtzieher für den vorausgegangenen Spendenaufruf des Museums war übrigens der Meraner Josef Rohrer, der an seinem nächsten Buch mit dem Arbeitstitel “Eine Geschichte Tirols in 100 Objekten“ arbeitet. Mit Hilfe der drahtigen Schönheiten schreibt er darin über die wirtschaftliche Bedeutung der frühen Auslandsniederlassungen in Südtirols Tälern in den 1960er Jahren.

Andrea und Karl (Bildmitte) haben noch den Draht zur Vergangenheit und meldeten sich auf den Aufruf des Museums: Sie schenkten dem Museum über 100 in St. Martin produzierte Spiralfedern. Ein Blick in die mitgebrachten Schachteln zeigt ein ganzes Federn-Universum: „Modelle wird es schon an die paar Hundert gegeben haben – ich bin 96 in Rente gegangen, die sind aus der Zeit davor“ (Karl, Bildmitte). „Das sind Federn, die nicht richtig gewesen sind und „neebmum“ getan worden sind“ (Andrea).

Uns hingegen hat etwas anderes fasziniert. Die vielen Produktionsstufen und Handgriffe, an die sich Andrea und Karl ziemlich genau erinnern – und die ohne Maschinen, Bedienungsanleitungen oder Fotos gar nicht so einfach zu rekonstruieren sind: Was passierte innerhalb der Fabrikmauern an den unterschiedlichen Arbeitsplätzen von der Anlieferung des Rohmaterials bis zum Verpacken der fertigen Spiralflachfedern? Die zwei ehemaligen Beschäftigten sind für uns die Produktionskette noch einmal durchgegangen und erzählen anhand der Arbeitsschritte zu Federn, Frauenarbeit und Fabrikgeschichte:


Schritt 1: Plattwalzen und Ablängen

Karl: In Deutschland haben sie den Hauptsitz gehabt. Von dort haben sie uns die verschiedenen Drähte geschickt, die sind alle auf Rollen gewesen. Wir haben ganz fein eingestellte und starke Walzen gehabt und der runde Draht hat gemusst durch diese Walzen durch, da ist er flach gedrückt worden und auf eine Rolle mit einem gewissen Durchmesser aufgewickelt worden.

Um die Rolle herum hat man gemusst die Drähte in der gewissen Länge abschneiden, je nachdem, welche Länge man für eine bestimmte Feder gebraucht hat. Mit einem Mikrometer hat man danach gekonnt die Stärke messen, da ist es eigentlich in die tausendstel Millimeter gegangen. Weil das hat gemusst genau die richtige Breite sein. Wenn es zu breit gewesen ist, dann hat man den Draht nicht mehr in den Schlitz der Rolle hineingebracht.

Da sind ja hunderte von verschiedenen Federn gewesen. Später ist dann umgestellt worden, da ist dann automatisch abgeschnitten worden, aber am Anfang hat man das gemusst händisch mit der Schere tun. Man hat gemusst ein bisschen einen „Fourtl“ haben und die Schere hat gemusst gut schneiden, denn wenn so „Knëpfler“ dran gewesen sind oder es nicht schön geschnitten hat, dann hat man das Drahtende danach beim Wickeln nicht in die Schlitze im kleinen Stift hineingebracht.



Schritt 2: Wickeln

Karl:
Dann haben die Wicklerinnen gemusst die Drähte, die es für eine Feder braucht, „in Haisl intiën“ und aufwickeln. Das ganze Wickelzeug und die „Haisler“, das ist alles im Betrieb selber hergestellt worden, in der Werkstatt, und alles nebenher, während der Betrieb lief. Für jede verschiedene Feder hat es ein eigenes Werkzeug gebraucht.

Andrea:
Manchmal ist beim Wickeln Radiomusik eingeschalten gewesen, meist eine gewisse Zeit. Jeder hat ein Radio gehabt, aber wenn das gewesen ist, hat man gemusst Kopfhörer aufsetzen. Das Reden mit den anderen Wicklerinnen ist nur gegangen, wenn du das Förderband vor dir gehabt hast. Wenn das Förderband „mittlt“ gewesen ist, ist es mit Reden nicht so gut gegangen.

Karl:
Gewickelt haben nur Frauen, die haben das feinere Gefühl für die Pinzetten gehabt. Und man hat auch gut sehen gemusst. Eine dickere Feder hast du gekonnt einer älteren Frau geben, die weniger sieht oder eine weniger ruhige Hand hat, und eine dünnere halt einer, die gut sieht, einer Jungen. Wir haben müssen den Frauen die Federn einteilen, das ist auch nicht einfach gewesen. Wenn eine daheim Probleme hat gehabt, dann hat sie auch weniger geleistet. Oder wenn eine den Führerschein gemacht hat oder ein bisschen krank gewesen ist, dann hat man es auch gespürt. Dann hat der Chef gesagt, wieso hat sie diesen Monat weniger Federn gemacht?

Andrea:
Einige haben sich mit den groben Federn leichter getan, einige mit den mittleren oder den ganz dünnen. Und es brauchte ein gutes Licht. Ohne die Lampen wäre es nicht gegangen. Wir haben überall ein gutes Licht gehabt. Ich hab das Wickeln mit der Pinzette gern getan. Bei meiner Hochzeit haben sie mich abgesperrt und ich musste Federn machen. Sie haben mir eine ganz große Pinzette gegeben, damit ich mich extra hart tue.

Karl:
Die Wicklerinnen haben „Pårtiën“ gemacht, eine „Pårtii“ hat der King noch mit „Grouß“ [Gros, 12 Dutzend] gerechnet: Ein „Grouß“ ist 144 Stück. Sie haben gemusst 70 „Grouß“ machen, dann haben sie eine „Pårtii“ gehabt. Es hätten gesollt 10.000 Federn sein, aber bei einer „Pårtii“ sind 10.080 Federn herausgekommen. Die Frauen wurden dann nach Federn bezahlt, nach „Pårtii“. Sie haben auch einen fixen Lohn gehabt, aber es sind einzelne Frauen gewesen, die haben den fixen Lohn nicht zusammengebracht, dann hat der Chef draufgezahlt. Und welche sind gewesen, die mehr gemacht haben, denen hat er halt Prämie gezahlt. Die haben halt in der Früh schon viel früher angefangen, damit sie auf die Prämie gekommen sind, oder sie haben zu Mittag ein bisschen früher angefangen. Solange sie Zeug zur Verfügung gehabt haben, haben sie gekonnt arbeiten. Weil der Chef hat gerne gesehen, wenn sie darüber hinauf gekommen sind, weil mit der Prämie ist er besser dran gewesen als mit den Stunden. Da ist ein ziemlicher Unterschied zwischen den Frauen gewesen, die eine hat vielleicht 5.000 Federn am Tag gemacht und eine Gute hat 8.000 oder sogar noch mehr gemacht.

Andrea:
Zum Schluss ist es mit Wickeln immer komplizierter geworden. Da sind die Federn immer kleiner geworden und immer mehr Drähte. Leider hab ich kein „Haisl“ aufbewahrt, dann könnte man es besser erklären. Das „Haisl“ ist auf einen Stiel, so einen Metallkopf, gekommen, oben auf den Spitz drauf. Wenn man die „Draate“ mit der Pinzette im „Haisl“ drinnen eingefädelt gehabt hat, dann sind sie mit einem Wickelstift, von einem Motor, eingerollt worden. Wenn man es auf den Motor vorsichtig draufgehalten hat, musste man aufpassen, dass er nicht zu schnell einzieht. Und diese „Draate“ haben da gemusst drin bleiben, weil oben ein Deckel drauf gewesen ist.

Karl:
Im „Haisl“ sind z.B. sechs Rillen eingefräst gewesen. Die Rillen haben auch so genau gemusst sein, wie die Feder breit ist, weil das ist eine eigene Mechanik gewesen, eine Feinmechanik. Da haben mehr die Männer gearbeitet, die haben die „Haisler“ gemacht. Auch diese Rillen einfräsen, das haben wir in der Fabrik selbst gemacht, mit Spezialsägen aus der Schweiz. Hinten ist ein Schlitz gewesen, dass es nicht gedreht hat, weil unten ist ein „Mitëirl“ gewesen mit einem Hohlraum, und wenn du den Stift hinuntergedrückt hast, dann hat es es schon eingerollt. Auch da haben die Arbeiterinnen gemusst einen „Fourtl“ haben, weil das sind „hoaggle Feedern: "Fourzuë, wennse a Draatl ingitoon hoobm, a bissl inspånnin, oonspånnin“, dass wenn sie den nächsten Draht hineingetan haben, dass der andere nicht herausgefallen ist. Die „Draate“ sind dann im „Haisl“ drinnen geblieben und das „Haisl“ haben sie rausgetan, da ist dann ein Deckel drauf gewesen. Die „Haisler“ haben sie dann gekonnt in so einen dreieckigen Halter hineintun, so sind sie aufgestellt worden, sagen wir fünfzehn oder zwanzig “Haisler” aufeinander.


Schritt 3: Härten

Andrea:
Danach hat man die Halter bei einer “Abschneiderin” oder “Biegerin” geholt und es ist auf das Rohr noch ein Hebel hinaufgekommen. Dann sind sie mit einem Förderband in den Ofenraum gekommen. Die Ofenarbeiter haben die Halter in eine hohles Rohr getan, oben ist noch ein bisschen Kohle raufgekommen, damit sie nicht blau werden, und dann haben die Ofenarbeiter sie mit dem Hebel in den Ofen getan.

Karl:
Ich glaube, immer acht Rohre hatten im Ofen Platz. Es waren spezielle Öfen, die sind bei 300 Grad gewesen. Die Öfen sind mit Strom gegangen, da sind dann zuletzt sechs, sieben Öfen gewesen. Je nachdem welche Federn gemacht wurden, umso länger haben sie gemusst im Ofen bleiben, 15 Minuten oder 20, je nach Größe der Feder. Da sind Uhren gewesen, die haben die Ofenarbeiter gekonnt aufziehen und wenn die Zeit um gewesen ist, ist der Wecker abgegangen und man hat die Rohre gemusst heraustun. Das hat ziemlich genau gemusst sein, weil wenn sie zu wenig lang drinnen gewesen sind, dann ist die Feder aufgesprungen, dann ist sie größer geworden.


Man hat gemusst die Feder messen, es hat nicht gekonnt die Feder nur sein, die hat gemusst genau stimmen, es hat gemusst Drehmoment gemessen werden. Dafür hat es ein eigenes Messgerät gegeben: 90 Grad oder so hat man gemusst drehen, dann ist eine gewisse Zahl herausgekommen und die hat gemusst die Zahl haben, sagen wir vom Hersteller, der die im Werk eingebaut hat. Sie sind dann immer „heagler“ geworden, da hat es zuerst auf fünf Prozent gekonnt schwanken, und die letzte Zeit oft auch nur mehr drei Prozent. Aber das ist schwierig einzuhalten gewesen. Wenn sie gar nicht gestimmt haben, dann sind sie eingeschmolzen worden. Tun hätten sie aber gesollt schon alle stimmen, sagen wir einmal. Am Anfang ist das leichter gewesen, weil da haben sie auch für Spielzeug so Federn gemacht.


Schritt 4: Ablängen und Biegen

Andrea:
Wenn sie aus dem Ofen gekommen sind, da sind einige Federn nur geschnitten worden, andere sind nach dem Kochen in der Maschine drinnen gebogen worden, einige sind auch in einem Schnitt abgeschnitten und gebogen worden, zugleich. Unten ist so ein Eisenplättchen gewesen und ein Draht, wo wir sie eingefasst haben.


Schritt 5: Trennen

Andrea:
Nach dem Ofen sind die Ausstupfer gewesen, die die Feder noch hinausgestupft haben. Die Federn sind ja in diesen „Haislern“ drinnen gewesen, da haben sie die gemusst „außerstupfm“. Die haben sie gemusst hinaus tun mit der Pinzette, weil die Federn haben gemusst alle einzeln sein.

Karl:
Beim Ofen hat es eben auch deswegen gemusst genau gehen, damit die Feder schön weich ist. Die Ausstupfer haben sie aus dem „Haisl“ herausgestupft, dann haben sie eine “Pårtii” in so eine flache Schachtel getan. Danach sind sie zu den “Niëtern” gekommen. Die haben die Federn in der Schachtel geschüttelt, dann sind die Federn auseinander gegangen. Und wenn die Federn aber vorher zu lange im Ofen sind gewesen, sind sie nicht mehr auseinander gegangen, dann sind sie zusammengepickt. Und wenn sie zu wenig lang im Ofen gewesen sind, sind sie aufgesprungen, sind sie zu groß geworden.


Schritt 6: Nieten

Karl:
Die “Niëter” haben eine eigene Maschine gehabt, die haben sie mit dem Fuß gekonnt betätigen. Wenn sie mit dem Fuß gedrückt haben, dann ist der Hammer aufgegangen und wenn sie die Feder in der Rolle drinnen gehabt haben, da haben sie gekonnt loslassen. Da ist dann ein Schlag heruntergegangen und da hats zugeschlagen, dass es die Feder festhält.

Andrea:
Ja, ja, eine Zeitlang habe ich auch genietet, aber das Nieten ist nicht meine Arbeit gewesen, da bin ich froh gewesen, wenn ich wieder wickeln durfte.

Karl:
Die Heimarbeiterinnen, die bei sich zu Hause gearbeitet haben, haben fast alle genietet. Einzelne haben gewickelt auch, aber das ist nicht grad so gut gegangen. Die Heimarbeiterinnen sind nur nach Stückzahlen bezahlt worden. So haben sie gekonnt bei den kleinen Kindern daheim bleiben und sie haben viel in den Abendsstunden gemacht, wenn die Kinder geschlafen haben. Aber sie waren alle gemeldet.

Andrea:
Nach der Niete ist manchmal noch ein Zeiger angeschweißt worden. Am Ende von der Feder ist das rote Ding noch hinaufgekommen, so wie ein Stift.

Karl:
Das ist der Zeiger, der tut anzeigen. In dem Messgerät, wo er dann später draufgesteckt wird, ist auch so eine Hülse, und da wird die Feder draufgesteckt, damit sie sie befestigen können.

Andrea:
Die Federn haben sie ja für Uhren verwendet und sonst alle möglichen Messgeräte. Da ist einmal eine Firma in Konkurs gegangen und da haben wir Arbeiterinnen dann gekonnt solche Uhren billig kaufen. Ein Thermometer ist auch dabei gewesen, habe ich auch eines gekauft damals.

Karl:
Die meisten Federn sind aus Messing gewesen. Kupfer haben sie einzelne gemacht, und ganz einzelne Federn, die in ein feines Gerät hineingekommen sind, sind auch vergoldet worden. Die verschiedenen Federn haben alle Namen gehabt, also vom Chef her, von der Fabrik her. Einige haben eine Nummer gehabt und einige Buchstaben, ABB und AU haben einige geheißen, das sind welche, die lange gegangen sind. Oder die Bimetall, da sind zwei Drähte beieinander, die haben sie für Thermometer gehabt. Ja, verschiedene Modelle wird es schon ein paar Hundert gegeben haben und für jede Feder hat gemusst ein eigenes Werkzeug gemacht werden. Zum Beispiel die “Haisler”, der Wickelkopf und der Wickelstift. Da mussten bei einem Eisenwickelstift von 2 mm Durchmesser mehrere Schlitze hineingefräst werden, wo die Wicklerinnen dann die Drähte hineingesteckt haben.


Schritt 7: Verpacken

Karl:
Die genieteten Federn sind dann in den Packraum gekommen, da sind sie in so „Tiëtn“ eingefassen worden. Man hat die Federn gemusst zählen und in die „Sackler“ einfassen und dann sind die „Sackler“ in so „Schachtiler“ verpackt und verschickt worden. Größere Schachteln sind dann in Holzkisten hinein gekommen, die hat die Tischlerei gemacht.

Andrea:
Die Federn hat man so schichtweis hinaufgelegt, die hat man schön vorsichtig gemusst hineinheben.

Karl:
Ja, die sind alle Monat holen gekommen. Von Schramberg, und da haben sie sie dann verteilt, draußen, wo sie überall hingekommen sind.

Andrea:
Wir haben Samstag und Sonntag frei gehabt, zumindest als ich 1979 angefangen habe, mit 15 Jahren, da sind ganz viele Frauen dazugekommen, auch von St. Leonhard und von Moos heraus. Von „foure inner“ eigentlich weniger.

Karl:
Ja, da ist alles Fabrik gegangen, eine Hausfrau oder so hast du kaum eine bekommen, zum Kinderschauen oder als Köchin, die sind alle Fabrik gegangen. Ja, ich mein, wenn der King dann in Ulten auch noch aufgetan hat [Eröffnung 1969], da sind an die 20 oder so drinnen in St. Pankraz gewesen, und „gaaling“ sind in St. Martin über 200 gewesen.

Andrea:
Zuerst sind wir ja in der Garbe gewesen, im Garberweg. Da ist die King lang gewesen, ich bin halt 22 Jahre lang da oben gewesen und insgesamt 30 Jahre lang. Es ist schon ein schöner Platz gewesen da oben, mit den Bäumen. Danach ist sie dann in der Lände gewesen. Wir haben auch viele Ausflüge gemacht, ganz oft zum Gardasee, weil da ist die Chefin immer gerne hinuntergefahren. Einmal auch Insel Mainau, weiß ich noch.

Karl:
Ja, das sind wir oft. Die Ultner sind einmal auch mit. Wir haben als Belegschaft auch bei den Faschingsumzügen im Dorf mitgetan, als Schlümpfe einmal, als Schlernhexen, jedes Mal etwas anderes. 1993 ist dann der King gestorben und der Sohn hat übernommen, der ist dann auch gestorben. Zum Schluss hinaus ist immer weniger Arbeit gewesen und mit der Firma ist es immer mehr rückwärts gegangen. 2010 haben sie dann gemusst schließen. Das ist schade für unser Dorf gewesen. Die King hat den Frauen viel Arbeit gegeben und auch Wohlstand gebracht.

Andrea:
Aber dann einmal ist da noch viel Arbeit gewesen, da ist in Portugal drüben die Fabrik abgebrannt, da haben wir dann keinen Urlaub bekommen, da haben wir viel gemusst arbeiten, da sind dann alle Aufträge zu uns her gekommen. Sonst wäre schon ein Jahr vorher fertig gewesen. Und der eine Kusin vom King, der hat das dann danach noch übernommen. Irgendein Verwandter ist das gewesen. Vieles ist dann in die Tschechei rüber gekommen. Ich bin ein Jahr davor in die Mobilität hineingekommen. So ungefähr ein Jahr lang sind noch 18 übrig gewesen, nicht mehr viele.

Karl:
Das ist halt einfach aufgehört, die werden gekündigt haben. Ja, dann werden sie 2000 ungefähr ins neue Werk hinübergeplündert haben. Ich mein, neun Jahre ist drüben noch gewesen. 2010 haben sie dann zugetan. Ich bin 28 Jahre lang bei der King gewesen. 1963 haben sie angefangen, der King da bei den Federn. Und 2010 dann endgültig Schluss. 

 

Du hast Fotos oder andere Erinnerungsstücke zur King Italiana in St. Martin?

Wir freuen uns, wenn wir sie hier veröffentlichen dürfen.

info@museum.passeier.it


 

Die erste Fotoserie stammt von Karl Pichler, St. Martin.
Foto 1 und 2:
Karl Pichler (vorne links knieend) mit 43 “King-Frauen” vor dem Fabriksgebäude in der Garbe, Frühling 1968.
Foto 3:
Innenaufnahme der King Italiana, Februar 1968.
Foto 4:
Die Belegschaft der King Italiana als Schlümpfe, Faschingsumzug St. Martin.


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Was man sehen will

Die neue Sonderausstellung über Passeier und seine Partisanen.

Fotos: Klaus Gufler

Die neue Sonderausstellung über Passeier und seine Partisanen.

Von MuseumPasseier


Am 6. September öffnete das MuseumPasseier seine neue Sonderausstellung. Sie handelt von Passeirer Wehrmachtsdeserteuren im Zweiten Weltkrieg, von denen rund 80 namentlich bekannt sind. Damit wagt das Museum – 80 Jahre nach Kriegsende – eine Rückschau auf ein Kapitel Passeirer Geschichte, über das Schweigen gelegt worden ist.

Am Anfang stand gar nicht der Gedanke an eine Sonderausstellung. Ursprünglich dachte das Museum nur daran, einen Themenabend zu gestalten und vorhandenes Interviewmaterial zu den Deserteuren zu zeigen. „Dann hat uns das Thema nicht mehr losgelassen: Wir wollten die Akten zum großen „Partisanenprozess“ finden, noch lebende Zeitzeug*innen befragen und schauen, was sich von den ehemaligen Verstecken vielleicht erhalten hat“, erzählt Monika Gögele, die Vorsitzende der Stiftung MuseumPasseier. So hat sie mit ihrem Museumsteam im November 2024 beschlossen, eine Sonderausstellung für das Euregio-Museumsjahr 2025 einzureichen. Passenderweise liegen die Schwerpunkte des Museumsjahres genau auf den Schlagworten „Krieg und Krisenzeiten – Widerstand – soziale Ungerechtigkeit“, die sich im Passeier in dem aufwühlenden Kapitel über Wehrmachtsdeserteure verdichten.

Lange Zeit wurde im Tal über die sogenannten Passeirer Partisanen geschwiegen. „Zu aufgeladen, zu nah, zu wenig heldenhaft“, fasst das Ausstellungsteam um Annelies Gufler, Monika Gögele, Barbara Pixner und Judith Schwarz zusammen, „während oder nach dem Krieg wurde wenig aufgeschrieben oder dokumentiert, bis heute fallen im Passeier nur Andeutungen oder halbe Sätze, so dass sich das Wissen über die Passeirer Deserteure verflüchtigt hat.“ Gleichzeitig seien die im Tal vielfach als Partisanen bezeichneten Männer, die sich unerlaubt vom Kriegsdienst entfernt hatten und untergetaucht waren, alle in einen Topf geworfen worden, egal, ob sie in Verstecken ohne Kontakte zur Außenwelt ausharrten oder bewaffnet umherzogen und Überfälle ausübten.

Man sieht, was man sehen will, schlussfolgert die Ausstellung schon im Titel – und meint damit nicht nur die bislang verdrängte Aufarbeitung im Tal oder unser aller Voyeurismus, sondern bezieht es auch auf die Ausstellung selbst: Die wahre Geschichte der Passeirer Partisanen könne auch das Museum nicht liefern, wohl aber eine Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Gefühlen, die sie bis heute auslösen.

Untergebracht ist die Ausstellung im historischen Keller des Sandwirts, bespielt werden vier Räume:

MITGEGANGEN – MITGEHANGEN zeigt die militärischen Vorgeschichten: Zentrales Element ist eine lebensgroße Papierpuppe mit ihren unterschiedlichen Kleidungen – als Versatzstücke für die Entscheidungen, die wehrpflichtige Männer ab 1939 zu treffen hatten. So erzählen die wechselnden Outfits nicht nur über Option, Militärdienst und Kriegseinsatz unter sich ständig verändernden Machtverhältnissen und Rahmenbedingungen, sondern auch vom gezwungenen oder freiwilligen Mitmarschieren.

WAS MAN SEHEN WILL widmet sich zunächst den Erinnerungen und Geschichten, die im Familiengedächtnis überliefert sind. Da ist zum Beispiel die Bäuerin, die den Knecht bittet, nicht in den Krieg zu ziehen, er solle eine Krankheit vortäuschen – da ist der Bauer, der das Versteck nicht preisgibt, indem er alle zum Narren hält – und da sind auch die Stimmen der Geschwister von Deserteuren, die als „Sippenhäftlinge“ von der Zwangsarbeit im Lager berichten. Neben diesen anekdotischen Zugängen dokumentieren Auszüge aus Pfarrchroniken und Prozessakten, dass die blutigen Auseinandersetzungen im Passeier nicht mit Kriegsende endeten, sondern Rache, Willkür und Gewalt wie kaum anderswo in Südtirol herrschten. Beide Erinnerungen, die guten wie die schlechten, gehören zu „Passeier und seinen Partisanen“ – und damit auch die Widersprüche zwischen den Bruchstücken, die lange Zeit im Schatten gestanden haben.

UNSERE SCHATTEN heißt auch der zentrale Raum, den die Besuchenden immer wieder passieren müssen, und in dem eine Installation von Hannes Egger ihre Schatten wirft, vielleicht auf jene der Vergangenheit, die im Heute noch herumgeistern – oder auf zukünftige, die uns bevorstehen. Im Luftzug des historischen Kellers tanzt dazu eine Drohne, die – gepaart mit der Frage „Was werde ich tun?“ – an hochaktuelle Debatten zu Wehrdienst und Krieg denken lässt.  

GRAS DRÜBER – mit diesem Raum endet die Ausstellung. Fotografien von Klaus Gufler, der die heute überwucherten, zugeschütteten und eingefallenen Verstecke der Deserteure dokumentiert hat, machen augenscheinlich, wieviel zugewachsen ist – in der Erinnerung ebenso wie in der Landschaft. Die letzten Spuren und leisen Erzählungen, die es im Passeier zum Weltkrieg vor 80 Jahren noch gibt, werden erst sichtbar, wenn wir hinschauen und nachfragen.

Begleitend zur Ausstellung bietet das Museum deshalb bis zum 8. November 2025 ein Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm, das einlädt, sich mit den Erinnerungen der eigenen Familie an den Krieg auseinanderzusetzen und darüber zu sprechen.

 

Daten zur Ausstellung

Laufzeit:
07.09.2025 – 31.10.2026

Öffnungszeiten 2025:
07.09. – 31.10.2025 (Di – SO, 10 – 17 h), 02.11. – 08.11. (10 – 16 h).

Ausstellungsteam:
Monika Gögele, Annelies Gufler, Barbara Pixner (Design, grafische Umsetzung), Judith Schwarz (Texte)

Künstlerische Beiträge:
Hannes Egger (Schattenspiel), Klaus Gufler (Fotografien), Martin Hanni (Audiocollage)

Die Ausstellung entstand für das Euregio-Museumsjahr 2025 und wurde gefördert von der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino sowie den Gemeinden St. Leonhard und St. Martin in Passeier. Das Begleitprogramm wird finanziell unterstützt durch die Bildungsausschüsse von St. Leonhard und St. Martin in Passeier.

Die Ausstellung in den Kellerräumen des Sandwirts ist leider nicht barrierefrei.

IMPRESSUM

Geschichten aus den Familien schenkten uns: Auer Maria (Pircher Moide), Auer Serafin (Paulner Seerefiin), Birkner-Winkler Andreas (Speckiler), Ennemoser Agnes (Mangger Aagnis), Gufler Alois (Faitnatzn Luis), Gufler Franz (Sennerei Franz), Gufler Johann (Hosneebmer Hans), Gufler Josef (Mouser Sepp), Gögele Maria (Wiinepåcher Moide), Gstrein Hanslois (Poschacher Hansluis), Haller Marianne (Luisnpaurn Marianne), Haller Martin (Oacher Martl), Hofer Albert (Natzhaisl Albert), Hofer Alois (Grëiber Luis), Hofer Maria (Schaffler Marië), Kofler Matthias (Wiidler Hias), Lanthaler Franz (Kuntner Franz), Lanthaler Johann (Gschpeller Hans), Lanthaler Johann (Wånser Hans), Moosmair Ida (Hångstuëner Iide), Oberrauch Christine, Öttl Agnes (Kråtzegger Aagnis), Öttl Hildegard (Leiter Hilde), Öttl Regina (Stuëner Regiine), Pfitscher Josef (Liënile Sepp), Pfitscher Marianne (Laiter Marianne), Pichler Anna (Holzer Anne), Pichler Johann (Holzer Hans), Pichler Karl (Piirpaamer Karl), Raffl Anna (Schnitzer Anne), Scherer Josef.

Das Auffinden von Archiv-Akten wäre unmöglich gewesen ohne: Fossali Roberta (Staatsarchiv Bozen), Mader Monika (Gemeindearchiv St. Leonhard), Mamming Ulrich, Schölzhorn Josef (Gemeindearchiv Moos). 

Das Lokalisieren der Verstecke gelang mithilfe von: Birkner-Winkler Andreas (Speckiler), Ennemoser Matthias (Gorgis Hias), Ennemoser Michael (Ruëner Michl), Gumpold Alois (Eggile Luis), Lanthaler Andreas (Wånser Andreas), Lanthaler Franz (Kuntner Franz), Pixner Albin (Tammian Albiin).

Hinweise und fachliche Beratung kamen von: Giacomozzi Carla (Stadtmuseum Bozen), Haller Harald, Kramer Johannes (Universität Wien), Lutt Alexander (Vuseum), Pichler Walter, Pirker Peter (Universität Innsbruck), Rohrer Josef, Romeo Carlo, Schwabl Alexander (Kleines Museum Lana), Steurer Leopold, Verdorfer Martha.

Die Interviews transkribierten: Gufler Annelies, Gufler Jonas, Hofer David, Hofer Michael, Maier Karin, Pirpamer Lia, Pixner Sofia, Thoma Manuel, Unterhauser Nadine.

Text-, Bild-, Audio und Videomaterial sowie zwei Drohnen liehen oder schenkten uns: Auer Maria, Breit Matthias (Gemeindemuseum Absam), Brugger Margret, Egger Wally, Egger-Karlegger Tobias, Fontana Florian, Gögele Hubert, Gögele Maria, Gögele Resi, Gufler Josef, Gufler Notburga, Haller Harald, Heel Peter (MuseumHinterPasseier), Hessenberger Edith (Ötztaler Museen), Hofer Albert, Karnutsch Manuel, Kaserer Brigitte, Kofler Edith (Gemeinde St. Leonhard), Koppelstätter Edith, La Rosa Oscar (Amt für Film und Medien Bozen), Mader Monika, Mutschlechner Armin, Nussbaumer Thomas (Universität Salzburg), Oberprantacher Klara, Oberprantacher Stefan, Öttl Hildegard, Pfattner Leidlieb, Pfeifer Bernadette, Pfitscher Marianne, Pirker Peter (Universität Innsbruck), Pixner Albin, Pixner Margaret, Plasil-Laschober Tina (Österreichische Mediathek), Reiterer Sophia, Schweigl Marianne, Steurer Leopold, United States Holocaust Memorial Museum Washington, Verdorfer Martha.

Künstlerisch und handwerklich gearbeitet haben: Egger Hannes (Schattenspiel), Gufler Klaus (Fotos der Verstecke), Hanni Martin (Audicollage), Hofer David (Zeichnungen), Hofer Wolfram (Beleuchtung), Pfitscher Martin (Raumgestaltung), Pinggera Werner (Drucke), Pixner Barbara (Design, grafische Umsetzung, Zeichnungen), Schwarz Vera (Zeichnungen).

An den Texten arbeiteten: Gufler Annelies (Lektorat), Hofer David (Lektorat), Piccoli Susanna (italienische Übersetzung), Schwarz Judith (deutsche Fassung).

Ein unentbehrlicher Kollaborateur war: Mutschlechner Armin

Vom Museumsteam halfen: Haller Jana (Scans), Hofer David (Zeichnungen und Lektorat), Ilmer Claudia (Reinigung), Pixner Heidi (Beitragsabwicklung und Buchhaltung), Pöhl Maria (Transkription Pfarrchronik Schweinsteg), Schwarz Michael (Abbau der alten Ausstellung).

Das Ausstellungsteam
Gögele Monika, Gufler Annelies, Pixner Barbara, Schwarz Judith

Wir danken: Der Tiroler Matrikelstiftung für die unentgeltliche Leihe der Kellerräume, den Ötztaler Museen als Partnermuseum im Euregio-Museumjahr sowie der Pächterfamilie des Sandwirt für die gute Zusammenarbeit, der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino und den Gemeinden St. Martin, St. Leonhard und Moos in Passeier für die wohlwollende finanzielle Unterstützung.

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aufgesammelt MuseumPasseier aufgesammelt MuseumPasseier

Martina und Christine erzählen zur Geige

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Richard Staffler (1880–1962) schreibt in "Humor im Etschland" von 1938 (Seite 76): "Die Pseirer haben nämlich eine besondere Vorliebe für das Geigenspiel. Seit ungefähr achtzig Jahren wird es im Tale stark geübt. Die Geigen machen sie sich selber. Es ist in Passeier fast kein Hof zu finden, wo in der Stube nicht eine oder gar mehrere Geigen an der Wand hängen. Bei verschiedenen Anlässen, zu Neujahr, im Fasching, im Sommer finden sich mehrere Spieler in Gruppen zusammen und spielen alte, bodenständige Volksweisen und Volkstänze, aber ohne Noten. Solcherart steht das Passeier im ganzen Lande wahrhaft einzig da". Foto: MuseumPasseier.

“Der Footer isch sunntigs nië oone der Gaige außn Haus gångin”

Von Daniel Hofer

 
 

Die Geige ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.

 
 
 

Die Musik spielte auch früher eine wichtige Rolle. Sie war ein Ausgleich für die Arbeit und eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Die Geige mit ihrem melodiösen Klang brachte Freude und Unterhaltung in die Stuben – sie war für die musikalische Bevölkerung von Passeier ein äußerst beliebtes Instrument.

Auch der Vater von Christine und Martina, Josef Platter, war ein leidenschaftlicher Geigenspieler. “Ohne Geige ist er sonntags nie aus dem Haus gegangen”, erinnern sich seine Töchter an ihren musikbegeisterten Vater. Jeden Tag nahm er sich die Zeit, um zu spielen: „Zum Halbmittag [Jause am Vormittag] ist er täglich ins Haus gegangen, hat die Geige genommen und ein wenig gespielt. Die Geige ist jeden Tag genommen worden, mindestens zwei- oder dreimal.”

Die Schwestern Christine (Jg. 1962) und Martina Platter (Jg. 1951). Foto: Sandra Fahrner.

Das Geigenspiel erlernte Josef wohl, wie damals üblich, durch Zuhören.Wenn sie etwas spielten, konnten sie es immer auswendig”. Schon als Kind spielte Josef gemeinsam mit seinen Geschwistern zu Hause auf Haupolt auf der Geige, er lernte das Instrument noch bevor er 10 Jahre alt war. Und ab den 1920er Jahren pflegten sie eine Art Stubenmusik untereinander. Die Geschwistergruppe spielte mit einer Bassgeige, einer Gitarre und vier Geigen.

An Sonn- und Feiertagen versammelten sie sich, um Musik zu machen. Oft kamen auch Bekannte dazu, um zu singen, zu spielen oder zu tanzen – manchmal bis tief in die Nacht. „Man hatte außer bei uns zu Hause nirgends so eine Musikgruppe in der Nachbarschaft.”

In den 60er Jahren gründete Josef mit vier musikbegeisterten Freunden die „Geiger der Berge”. Die Geiger der Berge hatten verschiedene Auftritte. Sie erzählten immer, sie hätten am meisten Applaus von allen Gruppen bekommen”. Auch zu Hause war die Geige ein ständiger Begleiter. „Uns Kindern hat er immer vorgespielt und gesungen.”

Die Geige war ein “Stimmungsbringer”. So spielte ihr Vater zum Beispiel nach dem Baumfest in seiner Stube mit den Förstern und Lehrpersonen, bei einer Versicherungskontrolle oder auch während der Fasnacht. „Am meisten waren in unserer kleinen Stube um die 60 Leute.”

Die Geige samt Bogen stammt vom Geigenbauer Sebastian Pircher (1859–1934) aus Passeier, daher auch die Bezeichnung Waschtile Gaige. Sebastian Pircher alias Stricker Waschtile war gebürtig vom Pfitscherhof, auch Verdorf genannt, in Schweinsteg, und lebte im Waalhaus in der damaligen Lugengasse (heute Silbergasse) in St. Leonhard in Passeier. Als Autodidakt fertigte er seine ersten Geigen nach Jakob Stainer (1617–1683), später hat er sich angeblich Modellzeichnungen von Geigen von Antonio Stradivari (1644–1737) und Giuseppe Guarneri (1698–1744) besorgt. Pircher soll an die 100 Geigen hergestellt und verkauft haben. Inv.-Nr. 2000_189. Fotos: MuseumPasseier.

 

Sammlungsausstellung
TÜREN IN DIE VERGANGENHEIT

12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von Daniel Hofer


Grafik, Konzeption, Interviews
Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner

Beratung
Manfred Schwarz, Judith Schwarz

Texte
Daniel Hofer

Fotografie
Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller

Zeitzeug*innen
Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl,
Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter

Abbau und Montage
Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer

Finanzielle Unterstützung
Bildungsausschuss St. Martin, Bildungsausschuss St. Leonhard

 
 
 
 
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aufgesammelt MuseumPasseier aufgesammelt MuseumPasseier

Helmuth erzählt zum Pflug

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Der Pflug mit einer Länge von 230 cm stammt vom Geadile-Hof auf Stuls und vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. Die Pflugschar ist aus Eisen, die Streichbretter sind bemerkenswerterweise aus Holz, allerdings (eventuell in späterer Zeit) mit Eisen verstärkt worden. Inv.-Nr. 2000_329. Foto: MuseumPasseier

“Um sëxe hoobm miër oongfångin”

Von Daniel Hofer

 
 

Der Pflug ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.

 
 
 

Der Pflug ist eines der ältesten und wichtigsten Werkzeuge in der Landwirtschaft. Beim Pflügen wurde der Pflug von Tieren gezogen und von einer Person an den Steuergriffen in die Erde gedrückt. Eine weitere Person führte die Tiere. Die „Pflugschar”, eine scharfe Eisenklinge, schnitt schräg in den Boden ein und wendete und lockerte den Ackerboden für die Aussaat.

Helmut Platter kann sich gut an die Ackerarbeit mit dem Pflug erinnern. „Den Pflug habe ich noch selbst als Junge geführt!”, sagt er stolz. Wenn er den Pflug nicht selbst führte, ging er mit den Zugtieren voraus. Mit dem Führen des Pfluges begann Helmut bereits im Alter von etwa 10, 15 Jahren, erinnert er sich.

Sie pflügten in der Regel drei Tage zu jeweils drei Stunden. Dann war der Acker gepflügt: „Wir haben immer um sechs Uhr mit dem Pflügen angefangen. Nach drei Stunden wurde es durch der Sonne zu heiß und wir haben am nächsten Tag weitergemacht. Als Zugtiere hatten wir zwei Kühe. Früher hatte man ansonsten Ochsen, die gingen gemütlicher.”

Helmut kann sich an zwei Pflugarten bei ihm zu Hause erinnern. Für die Aussaat und Ernte der Kartoffeln hatten sie den in der Ausstellung gezeigten Pflug. „Zuerst hat man die Furchen mit dem Pflug gegraben, dann hat man alle 40 cm Kartoffeln gelegt. Danach hat man diese Furchen mit dem Pflug wieder zugegraben.” Bei der Ernte brauchte man mit dem Pflug nur noch die Reihen entlangfahren, wodurch er durch das Wenden der Erde die Kartoffeln an die Oberfläche schob.

Der andere Pflugtyp hatte anstelle einer Pflugschar an beiden Seiten eine vertikal verstellbare Scharen und diese wurden je nach Fahrtrichtung so eingestellt, dass sie jeweils die Erde im steilen Gelände immer nach unten wendeten.

 

Sammlungsausstellung
TÜREN IN DIE VERGANGENHEIT

12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von Daniel Hofer


Grafik, Konzeption, Interviews
Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner

Beratung
Manfred Schwarz, Judith Schwarz

Texte
Daniel Hofer

Fotografie
Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller

Zeitzeug*innen
Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl, Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter

Abbau und Montage
Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer

Finanzielle Unterstützung
Bildungsausschuss St. Martin, Bildungsausschuss St. Leonhard

 
 
 
 
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Anton erzählt über die “Knoschpm”

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Grobe, zwiegenähte Bergschuhe im Derbyschnitt mit stark beschädigtem Futterleder. Die Knoschpm haben jeweils acht Ösen und sechs Haken, der rechte und der linke Schuh haben unterschiedliche Lederschnürsenkel. Die verschiedenen Lederschichten wurden mit einem gepechten und gewachsten handgedrehten Draht vernäht. Die Ledersohle und auch der mit Leder aufgebaute Absatz sind mit speziellen Eisennägeln verstärkt, von denen einige fehlen. Ledersohle und Lederabsatz sind stark beschädigt. Inv.-Nr. 2021_113. Foto: MuseumPasseier.

“Miër sain ålbm lai pårfuëßit gångin”

Von Daniel Hofer

 
 

Die Bergschuhe sind Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.

 
 
 

Die alten Bergschuhe zeugen von Wertschätzung und sparsamem Umgang. Wir sprechen nämlich von einer Zeit, in der viele Menschen entweder keine oder nur ein einziges Paar Schuhe hatten. Schuhe wurden generationenweise weitergegeben und so lange geflickt, bis sie unbenutzbar waren.

Anton Gufler aus Platt zog 1967 nach Pfelders. Er wuchs auf einem Hof auf und half dort mit, sobald er laufen konnte. Früher hatte man ein bis zwei Paare Schuhe, nämlich die Werktags- und Sonntagsschuhe. Die Werktagsschuhe waren die im Volksmund genannten “Groubginaantn” (groben Bergschuhe) und die Sonntagsschuhe waren leichtere und dünnere Schuhe. Einige hatten nur grobe Schuhe, so wie Anton. „Wenn ich zur Schule ging, hatte ich grobgenähte Schuhe, genauso wie beim Ministrieren.” Sogar bei seiner Erstkommunion trug er die groben Bergschuhe.

Anton Gufler, Saldeerner Toonig, ist 1940 geboren und wohnt in Pfelders. Foto: Sandra Fahrner.

Anton bekam sein erstes eigenes Paar Schuhe mit 14 Jahren.Wahrscheinlich waren es die alten Schuhe meiner älteren Geschwister, die sie nicht mehr tragen konnten“, glaubt er sich zu erinnern. Es war damals üblich, dass die jüngeren Geschwister die abgetragenen Schuhe der älteren erbten.

Die Schuhe waren damals aus Holz und Leder. Die Sohle wurde mit Nägeln befestigt und verursachte beim Gehen einen großen Lärm. Deshalb hat Antons Vater eine Gummisohle an Antons Schuhen angebracht, damit der Lärm der Nägel beim Gehen gedämpft wurde.

Am Hof war man meist barfuß, oft arbeitete man auch ohne Schuhe. „Der Vater war beim Heuarbeiten immer barfuß. Wir Kinder beim Hüten ebenso.” Anton erinnert sich noch an einem Vorfall: „Wir waren einmal zwei Wochen lang auf den Maadern [Bergwiesen] und dort hatten wir, wie sonst auch, keine Schuhe an, sondern waren barfuß. Eines Nachts, nachdem wir in einem Gaden [Heuhütte] geschlafen hatten und in der Früh aufgestanden sind, lag sehr viel Schnee. Also mussten wir barfuß durch den Schnee gehen. Aber es ist alles gegangen.”

Mussten Schuhe geflickt werden, kam der Schuster zur Familie. „Einmal im Jahr ist immer der Schuster zu uns nach Hause gekommen. Er arbeitete in der Stube und man brachte ihn einige Paare Schuhe, die zu Flicken waren. Einen Schuster gab es in Platt und er hatte zwei Gesellen. Die haben dann bei uns geschlafen, gegessen und am Tag die Schuhe repariert.”

 

Sammlungsausstellung
TÜREN IN DIE VERGANGENHEIT

12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von Daniel Hofer


Grafik, Konzeption, Interviews
Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner

Beratung
Manfred Schwarz, Judith Schwarz

Texte
Daniel Hofer

Fotografie
Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller

Zeitzeug*innen
Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl,
Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter

Abbau und Montage
Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer

Finanzielle Unterstützung
Bildungsausschuss St. Martin, Bildungsausschuss St. Leonhard

 
 
 
 
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Regina erzählt zur Muspfanne

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Große Muspfanne aus Eisenblech, in der das traditionelle Mus zubereitet wurde. Die Pfanne hat ein kleines Loch und zwei geflickte Stellen: Am schrägen Außenrand sind mit Eisenstiften zwei dünne Bleche befestigt, die Stifte wurden innen flach geklopft. Inv. Nr. 2021_133. Fotos: MuseumPasseier

„Oftramåll ischis knåpp giweesn”

Von Daniel Hofer

 
 

Die Muspfanne ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.

 
 
 

Die Geschichte dieser rostigen Muspfanne ist eine Erzählung über Gemeinschaft. Wenn die harte Arbeit des Tages für kurze Zeit ruhte und sich die Familie zum gemeinsamen Essen versammelte, kamen einfache Mahlzeiten auf den Tisch – über Generationen aßen bäuerliche Großfamilien aus dieser Pfanne, auch wenn sich darin manchmal wenig befand.

Regina Öttl wuchs auf einem Hof auf. Ihre Mutter starb bei einer Geburt, als Regina erst 18 Jahre alt war. Von da an musste sie sich um den Haushalt und ihre sieben jüngeren Geschwister kümmern. Bei ihr zuhause, so erinnert sie sich, wurde man im Schlafzimmer nass, wenn es regnete, da das Dach viele Spalten hatte. „Deswegen mussten wir auch nie schauen, welches Wetter herrscht“, sagt sie heute trocken.

Regina Öttl, Stuëner Regiine, ist Jahrgang 1933 und lebt im Haus St. Benedikt in St. Martin in Passeier. Foto: Sandra Fahrner.

Zum Frühstück und zum Abendessen gab es täglich eine Brennsuppe und ein Mus. Kaffee, Nudeln oder Reis kannte Regina damals nicht. Sie weiß noch, wie die ganze Familie am Tisch aus einer Pfanne aß. „Wir waren acht Kinder, dann noch die Mutter und der Vater.“ Sie kann sich daran erinnern, dass das Essen oft knapp wurde. „Ich ließ oft die jüngeren Kinder essen und hörte dafür mit dem Essen auf.“

Sie hatten die wichtigsten Lebensmitteln am Hof. Ihre Familie baute Roggen, Buchweizen und Kartoffeln an: „Das war das Einzige, was wir das ganze Jahr über zu essen hatten.“ Der Vater mahlte das Getreide zu Mehl. Die Mühle war weit vom Hof entfernt, sodass er oft weite Strecken mit den schweren Kornsäcken zurücklegen musste. Da sie Vieh am Hof hatten, gab es zwischendurch Fleisch. Mittags wurden oft Knödel gekocht, aus schwarzem (Buchweizen) oder weißem Mehl (Weizen).

Besondere Speisen gab es selten: „Auch an Festtagen hatten wir nichts Besonderes zum Essen.” Manchmal gab es einen „Riibl”. „Da hatte man eine Pfanne, in der man den „Riibl“ [Pfannengericht aus Buchweizenmehl] kochte, und beim “Riibl” war immer Fett drinnen. Diese Pfanne wurde aber nie gespült, weil das Fett nicht aus der Pfanne gespült werden durfte. Es musste immer wieder verwendet werden.“

 

Sammlungsausstellung
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12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von Daniel Hofer


Grafik, Konzeption, Interviews
Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner

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Manfred Schwarz, Judith Schwarz

Texte
Daniel Hofer

Fotografie
Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller

Zeitzeug*innen
Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl,
Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter

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Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer

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Schwester Annunziata erzählt zur Hostienpresse

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Das 13 kg schwere Oblaten-Backeisen aus dem Pfarrhaus von St. Martin in Passeier funktioniert wie ein Waffeleisen. Die liegende Backfläche trägt spiegelverkehrt die Motive für vier große und fünf kleine Oblaten je Arbeitsgang. Die kleinen Oblatenmotive zeigen zweimal das Christusmonogramm IHS und zweimal ein Herz mit drei Nägel. Die großen Oblatenmotive stellen zweimal den Gekreuzigten mit reichlicher Randverzierung, einmal das Herz Jesu und einmal das Christusmonogramm IHS mit der Umschrift "HOC EST ENIM CORPUS MEAM" dar. Auf dem gegenüberliegenden Teil sind die Sollbruchstellen für die vier großen Hostien eingraviert. Inv. Nr. 2000_082. Fotos: MuseumPasseier.

„Dr Glaabm isch wichtig giweesn!“

Von Daniel Hofer

 
 

Die Hostienpresse ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.

 
 
 

In einem wie Passeier spielt die heilige Eucharistie seit jeher eine zentrale Rolle im religiösen Leben. Der Mittelpunkt des christlichen Glaubens ist die Hostie, die in der Heiligen Messe den Leib Christi symbolisiert. Früher backte jede Pfarrgemeinde die Hostien selbst, was Geschick, Geduld und Ehrfurcht erforderte.

Schwester Annunziata Maria ist seit ihrem 23. Lebensjahr eine Klosterfrau der Barmherzigen Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul in Zams bei Landeck. Seit 1970 ist sie die im Dorf bekannte „Schwester Oberin“ im Altersheim St. Benedikt in St. Martin in Passeier. Zuvor arbeitete sie dort von 1958 bis 1960 als Krankenpflegerin.

Notburga Oberhammer bzw. Schwester Annunziata Maria ist 1932 in Taisten geboren. Foto: Sandra Fahrner.

Sie erinnert sich an ihre Ankunft in St. Martin: „Drei Tage lang habe ich meinen Koffer nicht ausgepackt, weil ich nicht bleiben wollte!“ Sie öffnete jeden Tag um 6 Uhr Früh die Türen des Altersheims, damit zwei Frauen die Hl. Messe besuchen konnten: „Die eine ging mit zwei Krücken voraus und schaute ständig zurück, ob die andere mit einer Krücke nachkam!

Beim Hostienpressen hat Schwester Annunziata Maria einige Male mitgeholfen. So hat sie sich mit dem Vorgang vertraut gemacht. Die Hostien wurden im Widum von St. Martin gemacht: „Der Frühmesser, der Pfarrer oder der Kooperator waren dafür verantwortlich. Für die Hostien benötigte man ein besonderes, feines Mehl, und der Teig musste genau die richtige Konsistenz haben – weder zu fest noch zu flüssig.“

Es gab zwei Varianten, wie die Hostien gepresst wurden. Auf der Fläche des Oblaten-Backeisen waren verschiedene religiöse Motive, nämlich vier große und wiederum fünf kleine. Deswegen konnte man je Arbeitsgang vier große und fünf kleine Oblaten pressen. Die großen Hostien waren für die Priester, die kleinen für die Eucharistie.

Den Teig, der auf der Seite herausgepresst wurde, nannte man Hostienschnitz.In Passeier kamen früher oft Kinder und bettelten um diesen Hostienschnitz. Wenn sie dann zur Schule gingen, gaben sie sich gegenseitig ´die Kommunion´.“

 

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Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner

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Daniel Hofer

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Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller

Zeitzeug*innen
Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl,
Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter

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Ida erzählt zur Kinderwiege

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Bemalte Kufenwiege, datiert 1876, vom Untersteinerhof in Pfelders, Gemeinde Moos. Inv.Nr.: 2000_128

 

“Sii hattn mii lai gsollt pa di Kinder låssn...”

Von Daniel Hofer.

 
 

 
 

Die Kinderwiege ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”. Sie ist ein Maturaprojekt und wurde kuratiert und gestaltet von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl.


 
 

Diese alte Kinderwiege aus dem Jahr 1876 ist mehr als nur ein Möbelstück – sie ist eine Zeitzeugin. Ihr Holz zeugt von unzähligen Momenten, in denen kleine Kinder in ihren ersten Schlaf gehüllt wurden. Wie viele waren es wohl? Wie viele Kinder haben etwa vom Jahr 1876 bis zum letzten Gebrauch in dieser Wiege geschlafen? Viele Kinder, die später selbst ihre Kinder in diese Wiege legten. Viele, die vielleicht nicht das Kindesalter überlebten. Doch all diese Geschichten verweben sich in den Holzfasern dieser Wiege.

Ida Gufler, Hitter Iide, ist Jahrgang 1939 und lebt im Haus St. Benedikt in St. Martin. Foto: Sandra Fahrner.

 

Ida Gufler erinnert sich an die Geburten bei ihr Zuhause. Ihre Mutter hatte mehrere Frühgeburten. Da sie bei den Geburten sehr litt, mussten die Kinder das Haus verlassen und in den Wald gehen. Bei einer Geburt bei ihnen zu Hause waren stets eine Hebamme, ein Arzt und ein Pfarrer anwesend: „Der Pfarrer kam immer mit, damit jemand da war, falls sie sterben würde, denn ihr ging es wirklich schlecht. Ins Krankenhaus gehen hätte man selbst bezahlen müssen, deswegen blieb meine Mutter bei ihren Geburten immer zu Hause.“

Woher das Kind kam, war keine Frage. „Es hieß immer, ein Vogel hätte es gebracht oder es sei aus an fauln Stock [aus einem morschen Baumstrunk] herausgekommen.“ Nach der Geburt musste die Mutter acht Tage lang ruhen und sich dann vom Pfarrer ausseegnin låssn [den Segen geben lassen], bevor sie wieder in die Kirche gehen durfte. „Da musste man vor der Kirche niederknien, und der Pfarrer hat dann die „bösen Geister“ vertrieben. Erst danach durfte man wieder in die Kirche und wurde vom Pfarrer mit Weihwasser gesegnet.“, erzählt sie. Mütter wurden in dieser Zeit als „unrein“ bezeichnet.

Ida erzählt weiter. „Die Kinder wurden nur etwa einen Monat gestillt, weil die Mütter auf dem Hof arbeiten mussten. Ab einem halben Jahr setzten wir die Kinder in eine Staige [Apfelkiste aus Holz] und nahmen sie bei der Heuarbeit und anderem mit.“ Als Idas Schwiegermutter einmal auf ihr Kind aufpasste, gab es einen schmerzlichen Moment. „Bei mir war die Schwiegermutter zuhause und die hatte das Wort. Sie sagte, ich solle raus arbeiten gehen und sie schaue auf die Kinder. Einmal bin ich ins Haus gegangen, um das Kind zu stillen. Da habe ich die Schwiegermutter schreien gehört: „Du sacklere Fråtze [verfluchtes Balg], i schloog di grood niider, wenn du sou schraisch!“ Das hat mir weh getan. Sie hätten nur mich sollen bei den Kindern zuhause bleiben lassen. Aber wenn man den Frieden haben wollte, musste man still sein. Die Schwiegertochter war sowieso immer der „böse Geist“.“

 

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Texte: Daniel Hofer
Fotografie: Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller
Zeitzeug*innen: Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl, Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter
Abbau und Montage: Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer
Finanzielle Unterstützung: Bildungsausschuss St. Martin, Bildungsausschuss St. Leonhard

 
 
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Luise erzählt zur Kerze

Blogserie “Türen in die Vergangenheit”.

Kerzenständer. Über einen tellerförmigen Fuß aus Eisenblech ist eine Spiralfeder (Eisendrahtgewinde) mit Kerzentülle und verstellbarem Griff angebracht. Durch Drehen des Griffs mit Kerzentülle kann die gewünschte Höhe der Kerze eingestellt werden. Herkunft: Sammlung Heimatmuseum St. Martin. Inv.-Nr.: 2000_304. Foto: MuseumPasseier.

 

“Gseechn hoobm miër ginuëg”

Von Daniel Hofer

 
 

 
 

Die Kerze ist Teil der Sammlungsausstellung “Türen in die Vergangenheit”, die als Maturaprojekt von Daniel Hofer, Sandra Fahrner und Alexa Pöhl kuratiert und gestaltet wurde.


 
 

Kerzen, jene einfachen, aber unverzichtbaren Lichtquellen, begleiteten die Menschen in den dunklen Wintermonaten und in den späten Abendstunden. Sie waren auf den Höfen nicht nur ein praktisches Hilfsmittel, sondern auch ein Teil des alltäglichen Lebens.

Eine dieser Kerzen aus Passeier ist heute ein Museumsstück und erzählt von einer Zeit, in der Licht und Dunkelheit noch eine viel intensivere Bedeutung hatten. Sie erinnert an die Bescheidenheit der Menschen, die sich in ihren gemütlichen Stuben, Scheunen und Ställen mit dem Schein der Kerze umgaben. Dieses Objekt ist ein Fenster in die Vergangenheit und ein stiller Zeuge einer Zeit, in der jede Flamme und jedes Licht wertvolle Ressourcen waren.

Luise Gögele, Gånder Luise, ist Jahrgang 1947 und lebt im Haus St. Benedikt in St. Martin. Foto: Sandra Fahrner.

 

An den Kerzenschein in ihrem Elternhaus kann sich Luise Gögele, geboren am 13. Juli 1947 in Moos, noch sehr gut erinnern. Als sie zwei Jahre alt war, zog ihre Familie auf das „Gandergut“ in St. Martin, wo sie fortan auf einem Hof aufwuchs. Lange Zeit hatten sie zuhause nur Kerzenlicht, später kam Gaslicht hinzu, bevor der Strom ins Tal führte. „Erst als ich mit 20 Jahren heiratete, kam der Strom“, so sagt sie. Die Kerzen wurden am Hof aus Bienenwachs hergestellt.

Zu Hause hatte man früher nicht in jedem Raum eine Kerze.Da hatten wir eine Kerze und wenn wir in der Küche was unternommen haben, haben wir die Kerze dort mitgenommen. Wenn wir ins Zimmer gegangen sind, haben wir sie dort mit. Nicht überall hatten wir eine Kerze. Man musste sparen, denn sonst wäre es zu teuer gewesen.

Eine besonders schöne Erinnerung verbindet Luise mit dem Kerzenlicht:Meine Mutter und ich haben immer heimlich in der Nacht bei Kerzenschein gestrickt, damit die Kinder etwas zu Weihnachten geschenkt bekamen. Man hatte ja sonst nichts, was man verschenken konnte. Außerdem schnitzte ich gerne. Zu Weihnachten bekam dann jeder etwas von mir. Mit dem Kerzenlicht konnten wir gut sehen, sogar zum Stricken!“ Ansonsten wurden die Kerzen nachts nicht regelmäßig genutzt. „Man ist einfach früh schlafen gegangen.

Auf die Frage, ob man mit Kerzenschein genug sehen konnte, antwortet Luise: „Gesehen hat man mit diesen Kerzen genug. Heute würde man nichts mehr sehen. Da würde es nicht mehr gehen.

 

Sammlungsausstellung
TÜREN IN DIE VERGANGENHEIT

12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von Daniel Hofer

Grafik, Konzeption, Interviews: Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner
Beratung: Manfred Schwarz, Judith Schwarz
Texte: Daniel Hofer
Fotografie: Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller
Zeitzeug*innen: Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl, Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter
Abbau und Montage: Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer
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Mein Maturaprojekt im Museum

Wie aus einer Idee eine Ausstellung wurde.

Welche Erinnerungen haben Senior*innen angesichts eines alten Gegenstandes und welche Geschichten lassen sich daraus entfachen? Davon handelt die neue Ausstellung „Türen in die Vergangenheit“.

 

Wie aus einer Idee eine Ausstellung wurde.

Von Daniel Hofer.
Fotos: Sandra Fahrner, Milena Haller, Manuela Hofer, Alexa Pöhl.

 

„Projektmanagement“. So heißt ein Fach im fünften Schuljahr der Fachschule für Land- und Forstwirtschaft Fürstenburg in Burgeis, bei dem Schüler*innen ein Projekt eigenständig planen und mithilfe eines Projektauftraggebers und eines Projektteams im Lauf des Schuljahres umsetzen sollen. Ich entschied mich aufgrund meiner starken Interessen für ein Fach im historischen Bereich.

Aber was könnte ich als Projekt machen? Nach einigen Überlegungen trat ich mit dem MuseumPasseier in Kontakt und erhielt den Vorschlag, im Schenner-Stadel eine neue Ausstellung zu konzipieren. Als Exponate standen mir Gegenstände aus dem ehemaligen Heimatmuseum St. Martin zur Verfügung, die von Sepp Haller (1933–2016) gesammelt und bis Ende der 1990er Jahre im Keller der Raiffeisenkasse St. Martin ausgestellt worden waren.

Eines war mir gleich bewusst. Dass ich diese Arbeit allein nicht schaffen würde. Deswegen stellte ich ein Projektteam aus interessierten Bekannten zusammen. Mit der Zeit fiel mir immer mehr auf, welches Glück ich mit diesem Team hatte, da sich die Mitglieder dieses Teams motiviert und intensiv an diesem Projekt beteiligten und freiwillig viel Zeit dafür investierten. Aus diesem Grund kann ich dieses Projekt heute nicht mehr als „mein Projekt“ bezeichnen, sondern als „unser Projekt“, da es ohne mein Projektteam nie möglich gewesen wäre, eine solche Ausstellung zu errichten.

Was machen wir nun mit diesen Gegenständen? Ich überlegte zusammen mit meinem Projektteam und dem Museum, wie ich die Exponate auf spannende und interessante Weise präsentieren könnte. Wir kamen zu dem Entschluss, eine Ausstellung zu gestalten, bei der Senior*innen aus ihrem Leben erzählen – und zwar ausgehend von einem einzigen Gegenstand. Das Ziel dieser Idee war es, zu jedem Objekt persönliche Geschichten zu sammeln. Statt vieler Exponate sollten nur wenige – die dafür aber umso intensiver – betrachtet, bearbeitet und inhaltlich vertieft werden.

Aber nun, ran an die Arbeit! Nach mehreren Ideensammlungen und Besprechungen war der erste Schritt das Aussuchen der Exponate, welche ausgestellt werden sollten. Wichtig dabei war, nicht viele Gegenstände auszusuchen, sondern ausschlaggebende. Es sollten Objekte sein, zu denen man eine lange Geschichte erzählen kann. Zum Beispiel eine Muspfanne. Eine Muspfanne ist für uns heute ein normales Küchenutensil. Zur damaligen Zeit war sie jedoch der Grundstein eines Haushaltes, aus der mehrere Generationen ihre warme Speise aßen.

Zu welchen Objekten könnte es spannende Geschichten geben? Welche Gegenstände waren früher wichtig, und welche könnten die Besucher*innen besonders ansprechen? Diese Fragen stellte ich mir, als ich mir die Datenbank des Museums anschaute, in der sich rund 600 Exponate aus dem ehemaligen Heimatmuseum von Sepp Haller befinden. Meine Aufgabe war es, einige Exponate auszuwählen, die für die Ausstellung verwendet werden sollten, was alles andere als einfach war! Immerhin ist jedes Stück dieser Sammlung ein faszinierender Geschichtenspeicher, was die Auswahl von einer begrenzten Zahl an Exponaten besonders schwierig machte.

Alles, was wir in dieser Ausstellung errichteten, wurde aus der früheren Ausstellung wiederverwendet. Die Sitzbank wurde aus den Brettern der ehemaligen Sitzbänke der Filmbox zusammengesetzt. Auch die Tafeln mit den Texten und den Porträts der Zeitzeug*innen stammen von den Türen der Filmbox. Die Einleitungstafeln, der Denkwürfel, das Außenschild und alle weiteren für die Ausstellung benötigten Bretter wurden aus den Wänden der ehemaligen Filmbox gewonnen. Auf diese Weise konnte vieles weiterverwendet werden, anstatt es wegzuwerfen.

Eine wertvolle Erfahrung war es für alle Beteiligten. Für viele war es die erste selbst gestaltete Ausstellung, verbunden mit einem Einblick in das Projektmanagement, dem Übernehmen von Verantwortung und der Möglichkeit, sich die Zeit selbstständig einzuteilen. Die engagierte Arbeit aller Projektmitglieder verdient große Anerkennung, und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Ein besonderer Dank gilt dem MuseumPasseier für die einzigartige Möglichkeit, die umfassende Unterstützung und das entgegengebrachte Vertrauen in uns.

Dank der Beratung und mehrerer Besprechungen mit meinem Team und dem Museum hatten wir bald jene Exponate bestimmt, die schließlich für die Interviews verwendet wurden. Bis zum Schluss waren es acht Objekte, welche im Leben der Menschen in der Vergangenheit vom Lebensanfang bis zum Lebensende eine bedeutende Rolle spielten.

Mit sieben der acht ausgewählten Objekte machten wir uns nun auf dem Weg zu den Interviews, um Geschichten hinter den Gegenständen zu erfahren. Unser Arbeitsvorgang war bei allen Zeitzeugen*innen der gleiche: Wir hatten Fotos der Exponate mit dabei, zeigten den Senior*innen das Foto und fragten, welche Erinnerungen an diesen Gegenstand die Person habe.

Das Ergebnis sind viele spannende, emotionale, witzige und nostalgische Einblicke in eine „vergangene Welt“ – immer basierend auf den gezeigten Gegenstand. Die verschiedenen Gespräche wurden immer auditiv aufgenommen und fotografiert. Die Audios wurden anschließend nochmal abgespielt, die wichtigsten Aussagen transkribiert und in Objekttexte für die Ausstellung formatiert. Fotos: Milena Haller, Sandra Fahrner

Nun hatten wir zwar die Informationen, aber noch keinen leeren Raum. Deswegen war der nächste Schritt der Abbau der Ausstellung „Pfluag & Traagl“, welche sich im Raum der neuen Ausstellung befand. Der erste Schritt war, die Exponate der Ausstellung aus dem Raum zu entfernen. Dann kam es auch schon zur „Filmbox“. Diese Filmbox war ein kleiner Raum in der ehemaligen Ausstellung, in welchem man auf einer Leinwand verschiedene Filme über bäuerliche Tätigkeiten in Passeier anschauen konnte.

Am Abbau der Filmbox beteiligten sich viele engagierte Mitglieder des Projektteams, die viel Motivation und Freizeit in die Arbeiten investierten. Nachdem wir die Türen, die Sitzbänke, die Lampen, den Beamer und die Leinwand, den Monitor zur Filmauswahl sowie den Schaumstoff an den Wänden entfernt hatten, begannen wir mit dem Abbau der Decke. Nachdem diese demontiert war, setzten wir den Abbau an den Wänden fort.

Nachdem die Filmbox abgebaut und verstaut war, wurden auch die Bild- und Texttafeln der früheren Ausstellung abmontiert, der Müll entsorgt und der Raum gründlich gereinigt. Nach etwa einem Monat war der Ausstellungsraum vollständig leergeräumt.

Nun bauten wir die Podeste für die Objekte und schnitten die Bretter zu, auf welche später die Folien geklebt wurden. Außerdem errichteten wir eine Sitzbank für die Besucher*innen. Eine große Öffnung an der Vorderwand des Stadels wurde mit Brettern verschlossen.

Die selbstklebenden Folien für die Ausstellung wurden an die Druckerei zum Druck übergeben und dann von uns auf die Holztüren sorgfältig aufgeklebt.

Nachdem wir alle handwerklichen Arbeiten an der Ausstellung abgeschlossen und die Objekte samt Tafeln an ihren vorgesehenen Platz gestellt hatten, war der Aufbau unserer Ausstellung vollendet. Nun stand der wichtigste Schritt des Projekts bevor – die feierliche Eröffnung.

Passend zum Saisonstart des Museums am 12. April, an dem auch freier Eintritt gewährt wurde und verschiedene Handwerker im Rahmen von „Zeitreise Handwerk“ ihr Können präsentierten, wurde dieser Tag auch für die Eröffnung der neuen Ausstellung festgelegt. Die Veranstaltung wurde im Vorfeld durch Einladungen, mündliche Ankündigungen und Plakate beworben. Am Morgen des 12. Aprils erledigten wir letzte Feinarbeiten, bevor um 11 Uhr die Eröffnung begann. Schon vor Beginn hatten sich zahlreiche Interessierte vor dem Schenner-Stadel versammelt.

Punkt 11 Uhr eröffnete Museumspräsidentin Monika Gögele die Veranstaltung mit einer Begrüßung. Im Anschluss hielten Sandra Fahrner, Alexa Pöhl und ich eine kurze Rede, in der wir den Ablauf des Projekts erläuterten. Nach dem symbolischen Banddurchschnitt öffneten wir schließlich die Türen zur neuen Ausstellung: „Türen in die Vergangenheit“.


Sammlungsausstellung TÜREN IN DIE VERGANGENHEIT
12.4. – 31.10.2025

Maturaprojekt von: Daniel Hofer
Grafik, Konzeption, Interviews: Daniel Hofer, Alexa Pöhl, Sandra Fahrner
Texte: Daniel Hofer
Beratung: Manfred Schwarz, Judith Schwarz
Zeitzeug*innen: Schwester Annunziata Maria, Luise Gögele, Anton Gufler, Ida Gufler, Regina Öttl, Martina Platter, Christine Platter, Helmut Platter
Fotografie: Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller
Abbau und Montage: Florian Öttl, Wolfram Hofer, Hannes Spöttl, Sandra Fahrner, Alexa Pöhl, Milena Haller, Daniel Hofer
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Aufnahmen und Schnitt: Alexa Pöhl

 
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Es ist rot!

Das neue Passeirer Wörterbuch ist erschienen!

S nuije Psairer Wërterpuëch ist erschienen! 

 

Von MuseumPasseier

 
 

Die Vorstellung eines Dialekt-Wörterbuchs ist eine äußerst seltene Angelegenheit – in Passeier gab es eine solche Veranstaltung nun bereits zum zweiten Mal. Nach der Premiere vor 20 Jahren (im Oktober 2004 war als erstes Buch des verlag.Passeier das Passeirer Wörterbuch erschienen) stellten die Autoren Harald Haller und Franz Lanthaler am 7. Dezember ihre überarbeitete und stark erweiterte zweite Auflage im Museum vor.

Hausherrin Monika Gögele übergab nach ihrer Begrüßung das Wort an Landesrätin Rosmarie Pamer, die nicht mit ihrem bekannten Passeirer Hou, sondern mit einem nicht minder kräftigen Statement startete: Das erste Passeirer Wörterbuch von 2004 sei nicht nur ein wichtiges kulturelles Signal gewesen, sondern bis heute unerreichtes Vorzeigewerk geblieben, um welches das Tal südtirolweit beneidet würde. In den letzten 20 Jahren habe der Dialekt die Werbung und sozialen Medien erreicht und dadurch für viele eine weitere Bedeutung erhalten, nicht nur, wenn es darum gehe, wie man af Psairerisch schreiben solle. 

Es folgte ein dialektaler Appetizer durch den Liedermacher Pepi Platter, danach kamen einführende Worte des Verlegers und Herausgebers Albert Pinggera. Der Typograf, der auch für die Gestaltung verantwortlich zeichnet, stellte das Team hinter dem Wörterbuch vor und dankte der Lektorin Judith Schwarz für ihre Unterstützung. Nachdem die ersten Pläne und Arbeiten zum Wörterbuch vor nunmehr einem Vierteljahrhundert mit der Passeirer Lebensweisheit „in ar hiinign Goaß Tee inschittn“ verglichen worden seien, zeige die Herausgabe des neuen Wörterbuchs in gedruckter und digitaler Form, dass die totgeglaubte Goaß doch lebe.

Max Siller (links im Bild), Professor für germanistische Mediävistik an der Universität Innsbruck im Ruhestand, lobte die unermüdliche Erforschung des Passeirer Dialekts als Lebenswerk seines Fachkollegen Franz Lanthaler und bot danach als Enderjocher amüsante Übersetzungsversuche vom Rignaunerischn ins Psairerische. Er spannte den Bogen vom charakteristischen Endungs-e, das mitunter bei Begriffen wie der Foon (die Fahne) fehle, bis zum sogenannten sprachlichen Zeigegestus von Gebirgsbewohner*innen, den Franz Lanthaler erstmals für seinen Dialekt analysiert habe. Er endete, passend zum Tuifltoog am vorvorigen Tag, mit Passeirer Redewendungen und Sprichwörtern zum Teufel.

Hans Moser, ebenfalls emeritierter Professor an der Uni Innsbruck sowie deren ehemaliger Rektor, attestierte dem Buch in seiner ausführlichen Rezension gute Lesbarkeit durch genaue Lautwiedergabe, Tiefe durch gründliches Ausarbeiten verschiedener Wortbedeutungen und Lebendigkeit durch eine Vielzahl an Beispielsätzen. Er freue sich besonders über den Ausbau der grammatikalischen Feinheiten wie beispielsweise des Konjunktivs, die Steigerung der Stichwörter um 25 Prozent im Vergleich zur Erstausgabe und das aufschlussreiche Kapitel „Einiges zum Passeirer Dialekt“. Sein Fazit: Das Wörterbuch sei mehr als ein Wörterbuch, an dem nicht nur das vierköpfige Team gearbeitet, sondern das ganze Tal beigetragen habe. 

Harald Haller skizzierte wortgewandt die Entstehung des Wörterbuchs vom allerersten Stichworteintrag am PC mit dem Wörtchen pfent (eng sitzend) über die „Erscheinung“ des Sprachwissenschaftlers Franz Lanthaler am Laapperg im Jahr 2001 und damit dem Beginn einer kongenialen Zusammenarbeit – bis zum Striëln in 9.000 Stichwörtern im Online-Wörterbuch in der vergangenen Nacht. Der Volkskundler, für den der Dialekt Passeirer Kulturgeschichte überliefert oder (immer noch) widerspiegelt und wie ein Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis des alten Passeier sei, verpasste der am Vortag freigeschalteten Online-Datenbank das Prädikat „giwaltig“, was im Psairerischn quasi der Superlativ von giwåltig ist.

Foto: Albert Pinggera/verlag.Passeier

Anschließend lenkte Franz Lanthaler anhand beredter Beispiele den Blick auf jene Besonderheiten, die ihn am Dialekt fesseln und ließ erahnen, welch umfangreiches Fachwissen, aufmerksames Hinhören und jahrelanges Forschen hinter seinen mitreißenden Ausführungen stecken. Er dankte allen Gewährspersonen, namentlich Eberhard Steiner und Arnold Rinner, für ihre Hilfe beim Verknüpfen der Dialektwörter zu Flora und Fauna mit den entsprechenden wissenschaftlichen lateinischen Namen.

Nach einem langen Applaus führte Albert Pinggera noch das Online-Wörterbuch (www.werterpuech.it) und seine praktischen Suchfunktionen vor. Die Textsammlung sei gemeinsam mit dem IT-Experten André Ennemoser aus St. Martin in eine digitale Datenbank importiert und daraus das neue Buch sowie die Basis für die Internet-Plattform gestaltet worden, die Trägerschaft und Weiterentwicklung liege in Zukunft beim MuseumPasseier.

Foto: Albert Pinggera/verlag.Passeier

Nach den vielen Worten zum Wörterbuch leitete Pepi Platters ålter Fraint – die Hymne der alten Passeirer Kultband „Quo vadis“ – zu Buchverkauf, Signierung und Umtrunk über. Das Buch ist über das Museum, aber auch in Buchhandlungen und beim verlag.Passeier erhältlich.

 

Fotos: MuseumPasseier, sofern nicht anders angegeben.

 

BUCH

Passeirer Wörterbuch
(Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage)

Wörter – Ausdrücke – Beispiele
Über 9500 Passeirer Wörter von aa wass bis zwui mit der Übersetzung ins Hochdeutsche
von Harald Haller und Franz Lanthaler

Hardcover, leinengebunden, 384 Seiten
2024, verlag.Passeier
ISBN: 978–88–89474–27–3
€ 24,50

PRESSE

unsertirol24 (28.11.2024)
Meraner Stadtanzeiger (28.11.2024)
SALTO (11.12.2024)

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themenkonzentriert MuseumPasseier themenkonzentriert MuseumPasseier

I triangoli verdi

Vor genau 80 Jahren kamen 15 Passeirer Familien ins Konzentrationslager Bozen.

Vor genau 80 Jahren kamen 16 Passeirer Familien ins Konzentrationslager Bozen.

Von MuseumPasseier


Wir fangen an, mit dem was blieb. Und das sind Minigeschichten von Zeitzeugen, allesamt als Ton- und Filmdokumente überliefert. Doch, fangen wir besser wirklich von vorne an, oder zumindest weiter vorne: Seit Frühling 2024 ist eine Arbeitsgruppe dabei, über 10 Stunden Audiomaterial für das Museum zu transkribieren, also als Text zu tippen. Die Aufnahmen stammen aus den 80er und 90er Jahren – die Zeitzeug*innen sprechen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs und leben nicht mehr.

Verfolgt – verfemt – vergessen. So nennt sich die Publikation, die anschließend an die von Leopold Steurer, Martha Verdorfer und Walter Pichler geführten Interviews im Jahr 1997 publiziert worden ist. Ein Buch über Wehrmachtsdeserteure in Südtirol – in den Interviews erzählen vor allem deren Familienangehörigen. Einige “Passeirer Passagen” aus den Tonaufnahmen sind im Buch verwendet worden, aber ein getipptes, geglättetes Zitat in der Schriftsprache ist doch etwas ganz anderes als der mitunter sehr emotionale O-Ton im Passeirer Dialekt.

Diese Tonspuren stehen nun im Mittelpunkt. Sie sollen Raum und Gehör finden in einer Sonderausstellung im Sandwirtskeller. Vor einem Jahr schrieb nämlich die Euregio ein neues Themenjahr für 2025 aus und wünschte sich Museumsprojekte, die sich mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit, des Widerstands sowie des Umgangs mit Krisen und gesellschaftlichen Umbrüchen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen. Das MuseumPasseier schloss sich mit den Ötztaler Museen zusammen und für 2025 werden dazu also diesseits und jenseits des Jochs Ausstellungsprojekte entstehen.

Krisenzeit – Widerstand – soziale Ungerechtigkeit: Diese Schlagworte verdichten sich im Passeier genau in jenem “beschwiegenen” Kapitel über die Wehrmachtsdeserteure: Nicht umsonst schreibt Sepp Haller 1986 vom “Problemkreis Passeirer Partisanen”. Der Fokus des Ausstellungsprojektes für 2025 wird auf den Erzählungen liegen: Welche Überlebensgeschichten aus dem Krieg haben überlebt, und zwar im Familiengedächtnis der Passeirerinnen und Passeirer? Doch bis dahin liegt noch viel Arbeit vor uns.

Abgesehen von den Interviews wurden kaum themenbezogene Objekte, Fotos oder Schriftstücke hinterlassen. Zur starken Audiolastigkeit und augenscheinlichen Objektlosigkeit der Ausstellung wird es einen visuellen Ausgleich brauchen.

 

Der Zufall wollte dann, dass wir sofort starten. Heuer jährte sich am Samstag, den 21. September, der Tag, an dem die „große Razzia“ in Passeier stattgefunden hat, zum 80sten Mal. Abgesehen davon, dass der 21.9. auch der Internationale Tag des Friedens ist, fanden wir, dass wir diesen Abend unbedingt nutzen sollten, um die Schicksale der triangoli verdi, der sogenannten „Sippenhäftlinge“ im Konzentrationslager Bozen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Rigglin oder nit rigglin?

Einen ersten Versuch, ob Handzeichnungen funktionieren, haben wir schon gestartet: Am 21. September sind wir mit unseren Ausstellungsplänen an die Öffentlichkeit gegangen und haben einen „Familienabend“ angeboten.

 

Ein einschneidendes Ereignis für das Tal. 16 Passeirer Familien wurden als Geiseln in sogenannte „Sippenhaft“ nach Bozen verschleppt – ein Tag, der im Passeier bislang noch nie besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Im Mittelpunkt unseres Abends, der mit Hörproben und Zeichnungen den 21. September 1944 in Erinnerung rief, standen dabei nicht die Deserteure, sondern die Eltern, Brüder und Schwestern der Deserteure, die im KZ mit grünen, auf ihren Häftlingskleidern aufgenähten Dreiecken (triangoli verdi) gekennzeichnet wurden.

 

Die Geschichten sind geprägt von Entscheidungen. Dienen oder desertieren? Verraten oder schweigen? Gehorchen oder widersetzen? Überleben oder sterben? Bestrafen oder verzeihen? Erinnern oder vergessen? Und jetzt, 80 Jahre nach dieser Zeit bzw. nun, wo die letzten Zeitzeugen just in den letzten Jahren verstorben sind, stehen die Familien mit den Erinnerungen da und vor der Entscheidung: Tragen wir die Erinnerungen unserer Vorfahren erzählend als immaterielles Familienerbe oder schweigend als Last der Vergangenheit weiter?

 

Was also tun, mit diesen Minigeschichten? Wir hoffen, mit dem Abend einen ersten Impuls gesetzt zu haben, sich mit den fremden, und vor allem mit den eigenen Familiengeschichten auseinanderzusetzen – in Gedanken oder auch im Gespräch. Ob die Ausstellung im nächsten Jahr dann, mit diesen Bruchstücken an Erinnerungen, Erfahrungen, Verletzungen und Hoffnungen das Potenzial haben wird, sich als mehrschichtige Erzählung mit einem roten Faden ins kulturelle Gedächtnis von Passeier einzuweben, werden wir sehen.  

 

Fotos: Barbara Pixner


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Tausend Sterbebilder

Über Silberfuchszüchter, schlafende Priester und Naturkatastrophen.

Man hält so manche Totenzettel in der Hand und merkt, wie viele Unterschiede es zwischen einem Sterbebild von 1845 oder von 2023 gibt. Ich finde es stets interessant, mir alle Informationen auf den Sterbebildern durchzulesen und sie mir auch etwas genauer anzusehen. Alle Fotos: MuseumPasseier.

 

Über Silberfuchszüchter, schlafende Priester und Naturkatastrophen

Von Jana Haller

 

1.000 Sterbebilder. Ja, richtig gelesen! Das MuseumPasseier hat seine ersten 1.000 Sterbebilder gescannt und dokumentiert, genau genommen sind es sogar schon mehr. Jede Woche kommen neue Sammlungen von Privatpersonen hinzu und wenn man so viel Zeit und Mühe in das Digitalisieren von Sterbebildern steckt, ist dies ein schöner Erfolg. Deshalb ist dieser Artikel meiner Arbeit als Praktikantin zu den Sterbebildchen gewidmet, die bald Teil der Chronik.Passeier werden.

Wie sieht die Vorgehensweise aus, wenn man alte Sterbebilder vor sich hat? Der allererste Schritt ist stets das Aussortieren der Sterbebilder, nachdem das MuseumPasseier sie zur Leihe – und manchmal auch geschenkt – bekommen hat. Die Sterbebilder, die bereits gescannt sind, werden aussortiert, sowie alle in der Sammlung zu findenden Duplikate. Eine aufwändige Arbeit, da jedes Sterbebild zur Überprüfung in den Computer eingegeben werden muss. Mir persönlich hilft es immer, wenn wir im Team arbeiten: Jemand liest vor, der andere tippt ein.

Anschließend werden sie gezählt. Und ja, manchmal kann es ziemlich einschüchternd sein, wenn über 100 Sterbebilder ausgebreitet auf dem Tisch liegen, dabei verliert man schnell einmal den Überblick. Glücklicherweise ist man auch hier nie allein, auch die SoJuPPa-Praktikant*innen helfen fleißig mit.

Nun kommt es zum Scannen: Die Vorder- sowie auch die Rückseite des Totenbildes werden hochauflösend im TIF-Format gescannt, zugeschnitten und gespeichert. Dabei muss man aufpassen, dass die Sterbebilder exakt gerade liegen, keine Staubfusel auf der Glasplatte sind und dass kein Sterbebild im Scanner vergessen wird. Eine Geduldsarbeit, denn manchmal kommt das Gefühl auf, der Stapel Sterbebilder werde einfach nicht kleiner.

Dann folgt der Eintrag in die Tabelle. Die auf den Sterbebilder vorhandenen Informationen werden eingegeben, dabei ist es oft gar nicht so leicht, die alte Schrift zu lesen. Auch unterscheiden sich viele Schreibweisen von den heutigen. Zwei Beispiele dafür wären Oberprandacher oder Schifer. Die häufigsten Vornamen auf den Sterbebildern sind stets Alois, Johann und Josef bei den Männern und Anna, Maria und Theresia bei den Frauen.

Welches ist den nun das tausendste Sterbebild? Leider lässt sich das nicht mehr so genau sagen, da gleichzeitig gescannt und eingetragen wird und die Sterbebilder aus vielen verschiedenen Sammlungen kommen. Für das “offizielle” tausendste Sterbebildchen habe ich das des Johann Hofer aus St. Martin ausgewählt. Es ist so besonders aufgrund der Notiz unter seinem Namen: Silberfuchszüchter.

Hätte man beim Passeirer Johann Hofer nicht extra seinen außergewöhnlichen Beruf auf dem Sterbebild erwähnt, hätte ich mich wohl kaum für Silberfüchse zu interessieren begonnen.

Lange habe ich über diesen Beruf gerätselt. Als erstes vermutete ich, Silberfuchs sei die Bezeichnung für Pferde mit hell-fuchsfarbenem Fell. Doch es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um Füchse handelt. Silberfüchse gehören wie alle Füchse zur Familie der Hunde und kommen ursprünglich aus Nordamerika und Nordost-Sibirien. Früher wurden sie in Europa wegen des Pelzes gezüchtet, sie galten als „Könige der Pelztiere“. Heute werden sie noch in Sibirien als Haustiere gehalten, in freier Wildbahn findet man die schwarzen Füchse mit den silber-glänzenden Fellspitzen nur noch selten.

Wer war nun dieser Johann Hofer? Er stammte vom Lanthaler, Gemeinde St. Martin, wo er am 24. August 1908 geboren ist, und lebte später auf Haseneben in der Kellerlahn. 1936 begannen er und der Dorfbauer Johann Schwarz gemeinsam mit Michael Tschöll (1904–1981, “Pëltin”) Silberfüchse auf dessen "Farm" im Fartleistal zu züchten.

Tierpelzfarmen waren anfangs in Deutschland sehr verbreitet. Aber auch wenn laut Zeitungsbericht die Preise für Silberfuchspelze 1931 um 20 Prozent gesunken waren, eroberten Silberfuchsfarmen in eben diesen frühen 1930er Jahren auch Südtirol, wie sich aus den damaligen Zeitungen herauslesen lässt. So beispielsweise scheinen ab 1932 Silberfuchszüchter in Pflersch auf, später auch in Klobenstein. In Nordtirol gab es bereits ab 1925 eine Farm im Lechtal.

Kaninchen, afrikanische Ziegen und Nerze sind das eine. Aber dass Silberfüchse, Waschbären und Moschusratten in Südtirol gezüchtet wurden, klingt doch unglaublich! Jedenfalls ist dies aus dem Bericht der 1. Reichstierpelzausstellung im November 1932 in Bozen nachzulesen. Ausgestellt waren damals immerhin schon 33 Silberfüchse. Gut möglich, dass Johann Hofer und seine Kollegen bei dieser Ausstellung zugegen waren und so auf die Idee gekommen sind.

Was findet sich sonst zur Passeirer Silberzuchtfarm? Auch unsere Fartleiser Farm in “Hinteråsche” bzw. “pin Pëltin Michl” kommt in Zeitungsartikeln zur Sprache: 1944 – nach Johann Hofers Tod am 3. Mai 1943 – war ein Silberfuchsrüde aus der Farm entkommen. Der Finder erhalte 2.000 Lire (damals ca. 100 Euro) Belohnung und solle sich beim Dorfbauer und Fleischhauer Hans Schwarz melden. Da die Tiere mit Fleischabfällen zu füttern und nach der Schlachtung aufzuarbeiten waren, lag eine Zusammenarbeit mit einem Metzger natürlich nahe.

Die Pelze wurden in Meran verkauft. Das sogenannte “Pelzen” der Felle war eine Kunst für sich, denn das Winterfell war nur einen kurzen Zeitraum im November/Dezember am Schönsten. Im Winter 1945 nahm die Silberzuchtfarm dann ein jähes Ende, als bei einem Einbruch über ein Dutzend Tiere gestohlen wurden.

Sterbebilder sind spannender als man denkt. Abschließend kann ich sagen, dass ich beim Sterbebilder-Scannen viel Neues kennenlerne, beispielsweise unbekannte Passeirer Berufe wie Silberfuchszüchter. Und es erfüllt uns alle, die wir einen Teil beigetragen, mit Freude, zu wissen, dass 1.000 Sterbebilder bereits digitalisiert sind und wir so dem Ziel, alle Sterbebilder des Passeier zu dokumentieren, schon etwas näher sind.

Sterbebild eines Kleinkindes

Besonders berühren mich die Geschichten von Kindern und Jugendlichen, die schon in jungen Jahren verstorben sind oder sehr früh in den Krieg ziehen mussten. Das Ablassgebet war früher oft auf Sterbebildern zu finden, heute kaum noch. Ein Ablass, oder auch Indulgenz genannt, wird für die Verstorbenen nach ihrem Tod gebetet. Es soll ihnen den Weg durch das Fegefeuer, welcher aufgrund der irdischen Schuld zu verrichten ist, verkürzen, somit werden die Sündenstrafen erleichtert. Auf den meisten Sterbebildern ist „300 Tage Ablass“ zu finden, also wird für 300 Tage jeden Tag das Ablassgebet gesprochen.

 

Bruno Winkler sticht besonders ins Auge, und das im doppelten Sinn. Das Foto auf seinem Sterbebild sieht fast danach aus, als wäre es erst nach dessen Tod entstanden, aufgrund der geschlossenen Augen und der liegenden Position. Doch das bleibt Interpretationssache. Geboren war Bruno Winkler in St. Martin am 26. August 1826. Nachdem er zum Priester geweiht worden war, verbrachte er den größten Teil seines Lebens als Seelsorger in Passeier, erst in Platt dann in St. Martin, wo er schließlich auch als Pfarrer tätig war. Er starb am 18. Juni 1897 an einer Krankheit.

 

Bei der Arbeit mit den Sterbebildern fiel mir auf, wie viele Menschen bei Naturkatastrophen wie Lawinen- oder Murenabgängen früher ums Leben gekommen sind. So auch Rosamunde Auer und deren Eltern. Alle drei starben bei einem Lawinenabgang am 21. Jänner 1951 in Untergurgl, die Tochter Rosamunde war erst acht Jahre alt. Das Ablassgebet sollte 7 Jahre und 7 Quadragenen (Ein Quadragena = 40 Tage) jeden Tag gesprochen werden. In Untergurgl kam es jedes Jahr zu mehreren Lawinenabgängen, die pro Winter im Durchschnitt sieben Menschen das Leben kosteten. Auch im Winter 1951 hielt der Landesbischof Dr. Rusch in Innsbruck einen Trauergottesdienst für die Lawinenopfer ab.

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Ach, du Langer Neuner!

Eine Fotostrecke mit Suchspiel.

Der erste in dieser langen Seilschaft: Josef Pixner, alias der Långe Nainer. Das Foto entstand wohl nach dem Ersten Weltkrieg, der Fotograf ist unbekannt.
Fotobesitz: Heimatpflegeverein Passeier.

Eine Fotostrecke mit Suchspiel

Von Tobias Egger-Karlegger

 

Sein markanter Bart und seine lange Statur sind unverkennbar. Die Rede ist von Josef Pixner, vulgo der Långe Nainer, geboren am 17. Juni 1871 in Pill auf dem Unterzaglhof oder besser bekannt als Nainer. Als Bergführer, Feuerwehrkommandant, Jäger, Schütze, Musikant, Tischler, Gastwirt und Gemeindevorsteher von St. Leonhard taucht er immer wieder auf alten Fotos auf und fasziniert mit seinem dominanten Auftreten.

Wer erkennt ihn auf folgender Fotostrecke? Die Auflösungen (Josef Pixner in Grün markiert) finden sich jeweils im Folgefoto (Pfeil nach rechts).

Josef Pixner und der Verein „Vince Luna“. Der Verein der „Umgestülpten“, wie er auch genannt wurde, war ein Verein für Geselligkeit, Ausflüge, Musik und Gesang. Die Mitglieder waren allesamt angesehene Personen aus Passeier (vgl. Blogartikel zu Fotograf Franz Ploner). Vermutlich hat sich der Verein aus einer Studentenverbindung des ehemaligen Gemeindearztes von St. Leonhard, Dr. Eduard Neurauter, abgesandt. Foto: Um 1923/24. Fotobesitz: Familie Ploner.

 

Das nächste Bild ist schon eine Spur schwieriger. Dieselben neun Gefährten, aber ohne Hut. Der Pfeil nach rechts führt zur Auflösung.

Josef Pixner bei der 15-jährigen Gründungsfeier der „Umgestülpten“ 1913. Der Verein wurde 1928 aufgelöst, nachdem Josef Pixner vor den Faschistischen Behörden ausgewandert war. Siehe auch Blog zum verschollenen Fotografen Franz Ploner. Fotobesitz Familie Ploner.

 

Immer noch einfach. Auf dem einzigen Gruppenbild, in dem ausnahmsweise mal die Frauen überwiegen, ist Josef Pixner schnell gefunden.

Frauenrunde aus St. Leonhard um 1925, mit Josef Pixner als Vorsteher. Foto: Karl Gögele. Fotobesitz: Pfarrarchiv St. Leonhard.

 

12 Personen sind auch noch überschaubar. Im nächsten Foto ist er deshalb gut auszumachen. Zum markierten “Grünen Neuner” gelangt man über den Pfeil rechts im Bild.

Josef Pixner und die Geistlichkeit. 1926 fand das Priesterjubiläum von P. Florian Salutt in Platt statt. Fotobesitz: Talarchiv Passeier.

 

Was findet Google zu “Langer Neuner”? So nennt man lange und 9 Pfund schwere Marine-Kanonen. Auf dem folgenden Foto aus Kriegstagen gibt es keine Kanonen, sehr wohl aber einen (jungen) Långin Nainer. Wer ihn nicht findet, klickt auf den rechten Pfeil.

Josef Pixner im Krieg. Während des Ersten Weltkrieges war der Långe Nainer Hauptmann im Batallion Passeier. Fotobesitz: Familie Egger-Karlegger.

 

Und weiter zum nächsten Gruppenfoto. Am 30. November 1926 werden mehrere Fotos mit Josef Pixner geschossen, mit weiteren Promis vor festlich geschmücktem Kirchlein.

Die Kapelle beim Puëcher in der Kellerlahn steht an ihrem Einweihungstag am 30.11.1926 im Rampenlicht. Fotobesitz: Heimatpflegeverein Passeier.

 

Das nächste Bild. 22 fröhliche Gesichter – und ausgerechnet der Långe Nainer macht ein langes Gesicht.

Josef Pixner mit Musikanten oder Schützen beim Wirt in Walten, direkt neben der Kirche. Fotobesitz: Familie Egger-Karlegger.

 

Nun sind wir schon bei 25 Personen. Diesmal sind es lauter neunmalkluge Köpfe – da darf der “Neuner” nicht fehlen.

Josef Pixner als Gemeindevorsteher. Der Långe Nainer vermutlich bei einer Lehrerkonferenz vor dem Gasthaus Edelweiß in St. Leonhard. Foto: Um 1925. Fotobesitz Familie Egger-Karlegger.

 

Wieder 25 Menschen auf dem Foto – samt sechs Instrumente. Und der Långe Nainer spielt natürlich nicht das kürzeste.

Josef Pixner als Musikant. Foto vom Gasthaus am Schneeberg, vermutlich um die Jahrhundertwende. Wahrscheinlich war es ein Ausflug vom Verein “Vince Luna“, denn es sind noch weitere bekannte Gesichter von Mitgliedern zu sehen, vgl. das erste Foto dieser Fotostrecke. Fotobesitz: Familie Ploner.

 

Josef und die 40 Feuerwehrmänner. Zuerst den Långin Nainer in Uniform und mit Helm suchen, dann über den Pfeil rechts im Bild zur Auflösung.

Josef Pixner als Kommandant. Gruppenfoto der Freiwilligen Feuerwehr St. Leonhard im Jahre 1921. Fotobesitz: Familie Ploner.

 

Was beim Kegeln gilt, gilt auch hier: Am besten alle Neune! Wer den Långin Nainer findet, ist schon weit gekommen.

Josef Pixner 1924 beim Priesterjubiläum von P. Vigil Kofler vor dem Gasthaus Platterwirt. Rechts neben Josef Pixner steht der damalige Gemeindearzt, Dr. Romedius Ebner, der im sogenannten Doktorhaus in St. Leonhard wohnte. Fotobesitz: Daniel Hofer.

 

Ach du grüne Neune! Wo inmitten des Grünzeugs und 43 Musikanten und Schützen steckt der “Lange Neuner”?

Gruppenfoto der Musikkapelle und einiger Schützen von St. Leonhard und St. Martin, möglicherweise entstand es bei einem Traubenumzug in Meran. Fotobesitz: Familie Egger-Karlegger.

 

Auch hier knifflig. Weniger die Suche nach Josef Pixner inmitten der 47 Personen – sondern das Rätsel, um welche Feierlichkeit mit Mädchen und Frauen es sich hier handelt.

Josef Pixner bei der Musikkapelle. Das Foto mit der Musikkapelle Andreas Hofer ist nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, vermutlich bei einer Erstkommunion oder Firmung Anfang der 20er Jahre. Der Långe Nainer als Stabführer, die drei Männer im Anzug vorne sind v.l. Johann Delucca, Leonhard Kofler – Unterzëgg und der Lehrer Stefan Wurzer. Foto: Alois Oczlon. Fotobesitz: Familie Egger-Karlegger.

 

Das fünfzehnte Foto, eine Hochzeit. Das Brautpaar lässt sich mit 45 Verwandten und Bekannten verewigen.

Eine Hochzeitsgesellschaft inklusive Streichmusik posiert im Schnee vor dem Platterwirt. Fotobesitz: Talarchiv Passeier.

 

Finale! Viel Spaß mit dem sechzehnten und letzten Bild: Dieses Gruppenfoto mit dem “Langen Neuner” inmitten von 120 Männern, zwei Frauen sowie zu Füßen des Andreas Hofer ist wohl nicht zu toppen.

Andreas-Hofer-Feier 1909 am Bergisel bei Innsbruck. Fotobesitz: MuseumPasseier.

 

Wir freuen uns, wenn weitere Långe-Nainer-Fotos auftauchen, die wir hier veröffentlichen können.

Lebensdaten zu Josef Pixner 

1871
Josef Pixner wird am 17. Juni 1871 in Pill auf dem Unterzaglhof – besser bekannt als Nainer – geboren.

Jahrhundertwende
Der Tourismuspionier war nicht nur Fremdenführer, sondern auch beim Bau vieler Wanderwege und Schutzhütten wie der Stettiner und Zwickauer Hütte, wo er zeitweilig auch Hüttenwirt war, als Unternehmer tätig. Um die Jahrhundertwenden soll er zeitweise bis zu hundert Arbeiter beim Wegebau beschäftigt haben. So ist heute das Biwak am Rauhjoch auf 2707m nach ihm zu Ehren benannt.

1903
Am 24. Februar 1903 heiratete er in Untermais Maria Ennemoser vom Zornhof in St. Martin – Kinder hatten sie keine.

1914
Im ersten Weltkrieg war Josef Pixner Hauptmann beim Standschützenbataillon Passeier.

1920
Im September 1920 wurde er Wirt beim Gasthof Edelweiss (später Gebäude des Gemeindeamt und heutiges Postamt) in der Kohlstatt von St. Leonhard.

1922
Im Jahr 1922 wurde er zum Gemeindevorsteher (Bürgermeister) von St. Leonhard gewählt. Zuvor war er schon Obmann der Ortsgruppe der Tiroler Volkspartei. Zu dieser Zeit war er auch Feuerwehrkommandant von St. Leonhard.

1926
Durch die Auflösung aller Ämter durch die Faschisten musste der “Lange Neuner” im Mai 1926 den italienischen Beamten und Kommissionären weichen.

1928
Laut Zeitungsartikel in “Der Südtiroler” musste Josef Pixner aufgrund von Unstimmigkeiten mit den italienischen Behörden im April 1928 auswandern. Er soll vor der drohenden Internierung und Verbannung geflohen sein, nachdem er von den Faschisten beschuldigt worden war, italienfeindliche Propaganda betrieben zu haben. Am 26. April wurde er von einem Freund gewarnt und beschloss daraufhin, in der Nacht vom 27. auf 28. April eine „abenteuerliche und gefahrvolle Flucht über die Berge“ zu unternehmen. Seine Frau begleitete ihn auf der Flucht. Ihr Eigentum mussten sie zurücklassen. Es wird erzählt, dass er von der Zwickauer Hütte über den Seelenkogel nach Tumpen im Ötztal geflohen sei, wo er zum Teil dann auch gelebt hat.

1929
Auch in der neuen Heimat blieb er kein unbekannter Mann. Da er ein ausgezeichneter Redner war, wurde er auch als Gastredner eingeladen wie z.B. im Juli 1928 bei der Kundgebung der Tiroler Nationalräte zur „Antwort Tirols an Italien“ am Berg Isel mit mehr als 10.000 anwesenden Zuhörern. Oder beim Südtirolerabend in Kitzbühl im Februar 1929 und im März 1929 bei der Gründungsfeier des Andreas-Hofer-Bundes Reutte bzw. im September 1929 in Seefeld.

1931
1931 zog er sich als Gastwirt in Brixlegg zurück und betrieb dort den Gasthof „Hygna“. Danach verliert sich seine Spur nach und nach.

1957
Gestorben ist der “Lange Neuner” am 16. Dezember 1957 in Rattenberg.

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Mit neuer Rechtsform unterwegs

Der Museumsverein wird eine Stiftung.

Die Museumssaison läuft weiter wie bisher, aber im Sommer 2024 wird das MuseumPasseier von der gleichnamigen neuen Stiftung getragen. Im Bild: (v.l.) Magdalena Haller (Stiftungsrätin), Vizebürgermeister Erich Kofler (Gemeinde St. Martin), Monika Gögele (Stiftungsratvorsitzende), Bürgermeister Gothard Gufler (Gemeinde Moos), Bürgermeister Robert Tschöll (Gemeinde St. Leonhard) und Fabian Pfeifer (Gemeindesekretär von St. Leonhard) nach der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde. Fotos: MuseumPasseier.

 

Aus dem Museumsverein wird eine Stiftung

Von MuseumPasseier


Aus dem Museumsverein wird eine Stiftung. Mit der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde durch die Vertreter der drei Passeirer Gemeinden wurde am 2. Februar 2024 die Stiftung MuseumPasseier gegründet. Die Gemeindeausschüsse hatten die neue Rechtsform bereits Ende des Jahres 2023 in den jeweiligen Gemeinderäten beschlossen. „Für die Gemeindevertreter und insbesondere für das MuseumPasseier ist es von entscheidender Bedeutung, eine stabile rechtliche Grundlage zu schaffen“, nimmt der Bürgermeister von St. Leonhard, Robert Tschöll, als einer der Stiftungsgründer dazu Stellung. Die Stiftung wird mit Aufnahme ihrer Tätigkeit Mitarbeiter*innen einstellen. Der Bürgermeister betont, durch die Einführung der neuen Stiftung werde es nun möglich sein, zukunftsweisende Pläne zu schmieden und mit Optimismus in die Zukunft zu blicken – sowohl die Stiftung mit ihren Mitarbeiter*innen als auch die Gemeinden könnten nun wieder ihr Augenmerk auf die Tätigkeit des Museums setzen“, so Tschöll.

Der im fernen Jahr 1997 (22.04.1997) gegründete Verein „Andreas Hofer Talmuseum – Sandhof“ hingegen hat dem Antrag um Vereinsauflösung und der Widmung des Vereinsvermögens an die Stiftung bereits im November 2023 zugestimmt. Die bisherige Obfrau des Trägervereins, Monika Gögele, ist nun auch Stiftungsratsvorsitzende, der Sitz bleibt am Sandhof.

Der gewählte Stiftungsrat setzt sich zum Großteil aus den bisherigen Mitgliedern des Vorstandes zusammen, dies sind – neben der bereits erwähnten Vorsitzenden – Dominik Alber für die Gemeinde St. Martin und Dr. Ulrich von Mamming für die Tiroler Matrikelstiftung, welche Eigentümerin des Sandhofes ist. Neu sind hingegen die Vertreterin der Gemeinde St. Leonhard, Magdalena Haller, sowie die Vertretung der Gemeinde Moos mit Bürgermeister Gothard Gufler. „Wir fünf sind mit der bisherigen Arbeit des Museums vertraut und werden das Ziel, welches der Verein seit über 20 Jahren lebt, weiterführen“, ergänzt die Vorsitzende Monika Gögele, „so soll das MuseumPasseier weiterhin ein Ort sein, an dem die Geschichte des Tales und das Hinauswirken derselben in die Welt erforscht, dokumentiert, erzählt und diskutiert wird“.

Am Samstag, den 18. Mai wurde mit Vertreter*innen des Vereins, der Tiroler Matrikelstiftung, den Gemeinden, den Sponsoren und dem Südtiroler Museumsverband der “alte Verein” würdig verabschiedet und auf die neue Stiftung und ihre Zukunft angestoßen. 231 Fotos entlang der umfunktionierten Heldenleiste beschrieben in Bildern die vielseitige und beeindruckende Museumswelt der letzten Jahre. Der langjährige Obmann Albin Pixner teilte seine Erinnerungen zur herausfordernden Gründung des Museumsvereins vor gut 30 Jahren und die neue Vorsitzende erläuterte die Notwendigkeit der neuen Rechtsform und schloss mit einem großen Dank an alle, die mitgeholfen haben und weiterhin mithelfen werden.

 
 
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Ans Licht geholt

Guter Hoffnung auf Hebammengeschichten.

Couragierte Frauen mit Verantwortung, die oft die Hosen anhatten: Helft uns Geschichten und Daten zu den historischen Hebammen von Passeier zu sammeln! Das Foto zeigt keine Hebamme, sondern drei Töchter der als “Klouzmuëter” bekannten Hebamme Maria Pixner (1867–1938): Maria (1905–1973), Theresia (1907–1969) und Notburga (1910–1994) Zipperle. Fotobesitz: Martina Caneva.

 

Guter Hoffnung auf Hebammengeschichten

Von MuseumPasseier


Aus einer schweren Geburt kommen die schönsten Kinder. Dass das auch für einen Blogartikel zu den Hebammen in Passeier gilt, hoffen wir sehr. Alexa Pöhl und Annelies Gufler haben bei ihrer Arbeit an den Taufbüchern von St. Martin, St. Leonhard und Schweinsteg für die chronik.passeier immer wieder die Namen der Hebammen gelesen. Seitdem gehen sie schwanger mit der Idee, mehr über die bislang unerforschten historischen Passeirer Hebammen herauszufinden.

Was gestartet ist mit der Hoffnung auf vielleicht ein Dutzend Hebammen, ist nun eine Liste mit 82 Namen. Alle in den obigen Taufbüchern von 1860 bis 1923 in der Spalte „Hebamme“ genannten Frauen sind gesammelt. Bei der Recherche zu weiteren Daten stecken wir nun aber fest: Das Museum hofft auf Informationen und Hinweise vieler, dass aus der Hebammensammlung ein Blogartikel mit Lebensläufen und Geschichten geboren werden kann.

Wer weiß, dass es in seiner Familie eine Hebamme gegeben hat?
Wer kennt Geschichten über eine Hebamme, die in Passeier praktiziert hat?
Wer hat Unterlagen oder Fotos, auf denen eine Hebamme erwähnt oder abgebildet ist?

Wir freuen uns auf Zuschriften oder einen Anruf!

HEBAMMEN
1860–1923 St. Martin, St. Leonhard, Schweinsteg

Die Namen sind geordnet nach Jahr, in dem die Hebamme das erste Mal in einem der Taufbücher von St. Martin, Schweinsteg oder St. Leonhard auftaucht. Auch Frauen, die sich selbst vermutlich nicht als Hebammen bezeichnet haben, aber laut Taufbücher „aushilfsweise“ oder „in Notfällen“ Geburtshilfe geleistet haben, sind in dieser Liste erfasst.  Der Text unter Anführungszeichen bezieht sich auf weitere Angaben, die sich in den Taufbüchern oder anderen Quellen finden. Einige Hebammen, die manchmal mit ledigem und manchmal mit dem Namen ihrer Ehemänner aufscheinen, konnten wir zusammenführen: In diesen Fällen ist der verheiratete Name in Klammer gesetzt. Wir nehmen an, dass einige Hebammen „doppelt“ aufscheinen und es sich (beispielsweise bei den im selben Zeitraum im selben Dorf praktizierenden Hebammen Huber Maria und Ennemoser Maria) um ein und dieselbe Person handeln könnte.

Oberprantacher Gertraud
“von Ried” “geprüft”
1860 (Schweinsteg) 1860 (St. Martin)

Wilhelm Ursula
1860 (St. Martin)

Platter Anna
“von St. Martin” “geprüft”
1860 (Schweinsteg) 1860 (St. Martin)

Kuprian Agnes
1860 (St. Leonhard)

Buchschwenter Anna
“v. Moos”
1860 (St. Martin)

Karlegger Maria
“geprüft”
1860 (St. Martin), 1861 (St. Leonhard)

Platter (Gögele) Maria
1861 (Schweinsteg)

Ebner Anna
1862 (St. Martin)

Halbeisen Maria
1862 (St. Martin) 1883 (St. Leonhard)

Maister Anna
“Torggler” “Torgglerin” “Beistand”
1863 (Schweinsteg) 1890 (St. Leonhard)

Sinner Margareth
“von Riffian”
1863 (St. Martin)

Pamer Anna
1863 (St. Martin)

Götsch Ursula 1842–1913
1863 (St. Martin) 1865 (Schweinsteg) 1883 (St. Leonhard)

Kofler (Öttl) Maria
“Schweinsteg” “Gasserin”
1864 (Schweinsteg) 1913 (St. Martin)

Aigner Maria
“von Untertall”
1865 (Schweinsteg)

Ennemoser Anna
“von Platt”
1866 (St. Martin)

Leitner Anna
1867 (St. Martin)

Wachter Maria
1868 (St. Martin)

Gufler Maria
1869 (St. Martin)

Gritsch Maria
1869 (Schweinsteg)

Wallnöfer Franziska
1870 (St. Martin)

Klotz Angela
1871 (Schweinsteg)

Mair Maria
„Untermaierin“
1871 (Schweinsteg)

Tschöll Anna
1877 (St. Martin)

Raffl Ursula
“Praxmairin”
1878 (Schweinsteg)

Oberprantacher (Lanthaler) Ursula
“Mörre” “St. Leonhard”
1879 (Schweinsteg) 1879 (St. Martin) 1883 (St. Leonhard)

Larch Ursula
1879 (St. Martin) 1879 (Schweinsteg)

Rainer Antonia
1879 (St. Martin)

Oberrauch Afra
1879 (St. Martin)

Walther/Walter Anna
1879 (St. Martin)

Klotz (Gufler) Ursula
1880 (St. Martin) 1883 (St. Leonhard)

Gufler Anna
“von Schenna”
1881 (Schweinsteg) 1891 (St. Martin)

Noggler Aloisia 1828–1913
1882 (St. Martin)

Gögele Elisabeth 1862–1891
1885 (St. Martin)

Schöpf Anna
“von Riffian”
1885 (St. Martin)

Chinatti Leopolda/Leopoldine
“landschaftliche Hebamme”
1885 (St. Martin)

Prünster Maria
“Beistand”
1885 (Schweinsteg)

Lamprecht Kreszenz
1886 (St. Martin)

Kofler Filomena
1886 (St. Martin) 1887 (Schweinsteg)

Carli?
1887 (St. Martin)

Nock Maria
“Weireggerin”
1887 (Schweinsteg)

Pichler (Fiegl) Maria
“von Riffian”
1887 (St. Martin) 1901 (Schweinsteg)

Pixner (Hofer) Theresia/Theres 1853–1937
“von Platt”
1887 (St. Martin) 1916 (St. Leonhard)

Obalo Olimpia v. Ronchi
1887 (St. Martin) 

Margreiter Maria
1888 (St. Martin)

Erb Maria
1890 (St. Leonhard)

Verdorfer (Markadella/Marcatella/Marcadella) Maria
“von Obermais” “von Mais”
1890 (Schweinsteg)

Frei Anna
1891 (St. Martin) 

Schwarz Rosa 1861–1945
1891 (St. Leonhard) 1891 (St. Martin)

Karlegger Ursula
1894 (Schweinsteg)

Klotz Theres
1895 (St. Martin)

Mair/Maier (Kofler) Elisabeth
“von Untertall” “U.Mairin”
1896 (Schweinsteg)

Walter N.
1897 (St. Martin)

Pixner Anna
„Bäurin aus Vernur“ „aushilfweise“
1897 (St. Martin)

Alber Creszens
“v. Tirol”
1897 (St. Martin) 1920 (Schweinsteg)

Fürthner (Zöttl) Josefa/Josefine
1898 (Schweinsteg)

Raich Ursula
1899 (Schweinsteg)

Laimer Kreszens
„im Notfalle“
1900 (St. Martin)

Kuen Rosa
“in Schenna”
1901 (Schweinsteg)

Pflug/Pflueg Maria
“Außergstera”
1901 (St. Martin) 1908 (Schweinsteg)

Pixner (Schwarz) (Zipperle) Maria 1867–1938
“von Moos” “Klotzbäuerin in Moso”
1901 (St. Leonhard) 1906 (St. Martin)

Pircher Maria
1902 (St. Martin)

Pixner Maria
“von Magfeld”
1903 (St. Martin)

Ilmer (Raffl) Anna
“von St. Martin”
1903 (St. Martin) 1906 (Schweinsteg)

Pfitscher (Gufler) Maria
“v. Schöna” “Nothebamme” “v. Verdorf” “Wirthin”
1905 (Schweinsteg) 1905 (St. Leonhard)

Öttl Notburga/Burgi 1859–1940
“Hebamme in Merano”
1906 (St. Martin)

Schiestl Regina
1908 (St. Martin)

Auer Filomena
“in Schenna” “Finele”
1910 (Schweinsteg)

Oberhofer Maria
“von Riffian”
1911 (St. Leonhard) 1911 (Schweinsteg)

Huber Maria
1911 (St. Martin)

Ennemoser Maria
1911 (St. Martin)

Hofer Theres
“v. Platt”
1911 (St. Martin) 1912 (St. Leonhard)

Gufler Anna
“Walten”
1912 (St. Leonhard)

Lorenz (Tschöll) (Spinell) Rosina/Rosa 1883–1941
1912 (St. Martin) 1914 (Schweinsteg)

Kofler (Garber) Maria 1888–1972
1912 (St. Leonhard) 1914 (Schweinsteg)

Ilmer Pichler Anna
“von St. Martin”
1914 (St. Leonhard) 1916 (Schweinsteg)

Hofer Agatha
1914 (St. Leonhard)

Volgger Maria
“von Obermais”
1917 (Schweinsteg)

Veil Elisa(beth)
1917 (St. Martin)

Jäger Filomena
“Finele” “von Riffian” “von Tirol”
1918 (Schweinsteg) 1919 (St. Martin)

Alber Maria
1922 (Schweinsteg)

Plank Theresia
“von Riffian”
1923 (Schweinsteg)

Ab 1924 sind die Taufbücher nicht öffentlich, aber wir haben weitere Hebammen in anderen Quellen gefunden oder erfragt und hier (ohne den berühmten Anspruch auf Vollständigkeit) gelistet.

Rainer (Lanthaler) Rosa 1905–1990
„Boudner Rouse“ „Kuntnermuater“

Laimgruber Maria
“v. Schöna”

Baldesari Itala
„Gemeinde-Hebamme von St. Leonhard“

Schenk Aloisia
„Stricker Luise“

Badstuber Anna
„Sterzing“

Fesele (Nagele) Rosa
„von Riffian“

Schöpf (Ungerer) Maria 1888–1962
„von Meran“

Pixner Hildegard 1917–2009
“Garber Hilde”

Gufler Anna 
“Pisn Anne”

Orsetto Emma
”St. Leonhard”

Gasser (Lanthaler) Anna 1922–2011
”Moos”

Marth Anna
„Peterjörgele“ “Beistand”

 
 
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Die vier Hofertöchter

Welche taugt zur Opernfigur?

Die Sandwirtstochter Gertraud Hofer (1805–1834) unscharf hinter Glas im MuseumPasseier – und im Schatten ihres prominenten Vaters. Um sie und ihre drei Schwestern liegt der Nebel der Geschichte. Gertrauds Enkel war Gemeindesekretär in St. Leonhard und erwarb 1909 den Hof Thurnfeld bzw. Kassier in St. Leonhard. Dort fand sich dieses Porträt, welches heute im MuseumPasseier ausgestellt ist. Foto: MuseumPasseier.

 

Welche taugt zur Opernfigur?

Von MuseumPasseier


Andreas Hofer ist ein Opernheld. Bereits 1830 wird ihm in London die Oper “Hofer, oder: Der Tiroler Tell” gewidmet, 1835 in Paris die Opéra-comique “Alda”, in der er allerdings Max Hofer heißt. Im Grunde alles verstaubte Operngeschichten, die schon mal bessere Tage erlebt haben.

Was hat Passeier sonst noch in punkto Oper zu bieten? Da fallen wohl vielen drei Schwestern aus St. Leonhard ein, die sich als Opern- bzw. klassische Sängerinnen einen Namen gemacht haben. Eine davon, Ulrike Haller, hat sich kürzlich im Museum mit einer ungewöhnlichen Idee gemeldet. Als Hofer-Nachfahrin möchte sie eine Oper zu Hofers Töchtern singen. Und ist deshalb auf Stoffsuche.

Die Quellen sind spärlich und zweifelhaft. Während über die Mutter Anna Ladurner zumindest Gerichts- und Polizeiprotokolle sowie Bittschriften da sind, fehlen bei den Töchtern rekonstruierbare Berichte oder gar von ihnen verfasste Dokumente: Die “Fakten” sind mehr Erzählung als Forschung, schreibt Hoferbiograf Andreas Oberhofer zur Frage nach der Quellenlage.

Ein*e Opernregisseur*in allerdings will etwas anderes wissen: Sind diese Erzählungen spannend? Taugen sie für die Bühne? Und um welche markante Figur soll sich die Oper drehen? Es braucht sehnsüchtige Zweigesänge der Verliebten und schwelende Familienzwiste, leidende Heldenfiguren und zornige Bösewichte, unterhaltsame Wirtshausszenen und sterbende Schwäne. Die vielen historischen Lücken, die uns zu schaffen machen, sind für eine Operngeschichte vielleicht gar nicht relevant: Es zählt das Kopfkino bzw. die Kopfoper.

Deshalb die Frage: Welche der Hofertöchter taugt zur Opernfigur? Wobei – nebenbei – uns erst jetzt auffällt, dass es keine Hinweise gibt, ob Mitglieder der Hoferfamilie musikalisch bewandert waren oder Instrumente spielten. Und, was uns seit unserem Gespräch mit Ulrike Haller auch zum Nachdenken gebracht hat: Wer pflegte die alte, bettlägerige Mutter im Dezember 1836? Fakt ist nämlich, Anna Ladurner stirbt keinen klassischen Operntod mit Dolch oder Gift, sondern an Entkräftung und alleine, ihre vier Töchter sind zu dem Zeitpunkt bereits tot. Vielleicht schaffen auch diese Leerstellen Platz für musikalische Überraschungen.

Im Folgenden also nun – bunt gemischt – Dichtung und Wahrheit über die Sandhoftöchter, was der Schöpfung einer neuen Opernkomposition als Anregung dienen möge.

 

Notizen von Rudolf Granichstaedten-Czerva (1885–1767) zu den Sandwirtstöchtern, Originale im Archiv der Tiroler Matrikelstiftung in Innsbruck. Der Jurist und Genealoge hatte u.a. zu Hofers Kindern geforscht und 1926 das Buch “Andreas Hofer. Seine Familie, seine Vorfahren und seine Nachkommen” herausgegeben. Zu den vier Töchtern hat er allerdings auch nicht mehr als einige Eckdaten herausgefunden. Foto: Tiroler Matrikelstiftung.

 

Tochter 1
Maria, die gegen den Willen der Mutter einen armen Stallknecht heiraten will und dafür bis zum Kaiser schreibt.
Die älteste Tochter Maria (~*16.02.1797) durchlebte im Kriegsjahr 1809 mit ihrer Mutter mehrere Stationen der Flucht vom Sandhof. Laut den Gerichtsaussagen der Sandwirtin waren die jüngeren Mädchen zeitweise bei Bekannten in St. Martin untergebracht. Mit dem Sohn Johann und eben mit der zwölfjährigen Maria flüchtete sie angeblich im November 1809 “am Keller” (Hof in der Kellerlahn gegenüber von St. Martin) und war dann ab Andreastag (30. November) in Pfelders, in Stuls und auf der “Schönnaer Alp” (Schönau in Hinterpasseier).
1811, mit 14 Jahren, wurde Maria zu den Tertiarschwestern nach Bozen geschickt, womöglich nicht nur um ihr eine gute Unterkunft und Mädchenbildung zukommen zu lassen, sondern vielleicht auch, um sie von “weltlichen Gefahren” abzuschirmen. Sie war dort vielleicht eine der sogenannten “Kostfräulein”, die im Kloster Kost und Logis gefunden haben, geistlich erzogen und durch das Angebot der Mädchenschule rudimentär unterrichtet worden sind, meint Schwester Anna Elisabeth Rifeser, die sich intensiv mit den historischen Quellen beschäftigt hat. “Kostfräulein” halfen zudem in der Küche, im Garten oder im Haus mit, erledigten Botengänge und Besorgungen oder erlernten Techniken wie Goldstickereien usw. Wir wissen nicht, wie lange sie dort war. Der Passeirer Landrichter schreibt 1828, von den vier Töchtern sei nur Maria nicht überheblich geworden: Sie hätte ihrer Mutter im Gasthaus geholfen, mit schlichter Bildung und gutem Herzen. Als sich eine Beziehung mit dem fünf Jahre älteren Andreas Erb anbahnt, sind Mutter und Geschwister nicht begeistert. Er ist ein armer Bauernsohn aus dem Tal, dem die Landwirtschaft mehr liegt als die Gastwirtschaft und der bereits seit mehreren Jahren am Sandhof als Knecht arbeitet. Es kommt angeblich zu Drohungen und Intrigen, Andreas Erb muss das Haus verlassen. Maria wendet sich an den Kaiser höchstpersönlich, um von ihm eine Heiratserlaubnis zu bekommen. Der Richter bescheinigt, dass es keine moralischen Einwände gegen die Ehe gäbe. Ein Passus, der nicht in das offizielle Urteil übernommen worden ist, lautet: Man sieht nicht ein, warum Andrä Erb seine Blicke nicht auf eine Sandwirthstochter, welche keineswegs mit besonderen körperlichen Reitzen ausgestattet ist, oder wegen Reichthum oder Bildung eine glänzende Partie wäre, erheben dürfte. Er ist ihrer würdig, und schwerlich möchte sie je eine bessere Wahl treffen können. Maria heiratet also mit 33 Jahren Andreas Erb, führt den Sandhof ihrer Mutter Anna Ladurner pachtweise gemeinsam mit ihrem Ehemann weiter, bringt drei Töchter zur Welt und stirbt mit 38 Jahren am 22. Juli 1835. Ein gutes Jahr nach Marias Tod lässt die 71-jährige Mutter Anna Ladurner als Sandhof-Eigentümerin ein Testament aufsetzen. Der Sandhof hatte sich inzwischen ökonomisch einigermaßen erholt. Die Landwirtschaft samt Wirtshaus sollte Maria Hofer und Andreas Erbs ältester Tochter Anna Erb (bzw. als nächste Erbfolgerinnen deren jüngeren Schwestern Maria und Rosa Erb) um einen Kaufpreis von 9.000 Gulden zukommen. Die drei Schwestern bzw. Enkelinnen von Anna Ladurner sind zu diesem Zeitpunkt sieben, fünf und zwei Jahre alt. Trotz Testament wird es anders kommen, keine von Marias Töchtern wird den Sandhof als Erbin übernehmen.

Tochter 2
Rosa, die vom Sandwirt zum Brühwirt zieht und dort kein Glück hat….
Rosa (*~30.08.1798) ist beim Tod ihres Vaters zwölf Jahre alt. Über sie ist derzeit am wenigsten bekannt. Sie ist 1811 angeblich bei den “Englischen Fräulein” in Meran, bislang konnte im dortigen Archiv oder im Stadtarchiv Meran jedoch kein Schriftstück zu ihr gefunden werden. Mit 19 Jahren hat sie vielleicht am Nonsberg eine Arbeitsstelle, denn die Mutter Anna Ladurner schreibt im April 1817 an ihren Sohn (Rosas Bruder): Die Rosa, so in Einsperg ist, schreibt mir sehr offt, ob du nicht einmall herauf komest. Wie viele Informationen würden wir wohl aus Rosas Briefen erhalten, wenn sie denn auffindbar wären?
Mit 32 Jahren heiratet Rosa dann Josef Holzknecht, den Wirt vom Gasthaus Brühwirt in St. Leonhard. Neun Monate später wird der Sohn Josef geboren, der im Alter von 6 Tagen an Diphterie (Gichter) stirbt. Kurz darauf später ist sie wieder schwanger, der zweite Sohn Johann lebt nur sieben Tage (der Eintrag im Taufbuch lautet wiederum: Gichter; nach 12 Stunden gestorben). Elf Monate später kommt der dritte Sohn auf die Welt, der wie sein berühmter Großvater auf den Namen Andreas getauft wird. Rosa erkrankt kurz nach der Entbindung und stirbt 13 Tage später mit 34 Jahren (und als erste der vier Schwestern) am 23. September 1832, laut Taufbuch an “Nervenfieber”. Kurioserweise hat die Schriftstellerin Klara Pölt (1862–1926) 1917 in einer Anekdote ihre Begegnung mit Rosas Tochter festgehalten, wobei Rosa keine Töchter hatte. In der Erzählung zeigt ihr (die fiktive) Tochter als alte Frau eine silberne Dose mit dem eingravierten Namen ihrer Mutter und berichtet, was ein Zeitgenosse immer erzählt haben soll: A saubers Weibets ists gwesen, das Hofer Rosele, und grad souvl a schöns Haar hat sie ghabt, man sieht sie selten, die Farb, nöt braun und nöt rot.
Der Sohn Andreas Holzknecht jedenfalls überlebt als einziges Kind den frühen Tod seiner Mutter. Er zieht aus Passeier fort und wird Handelsmann in Meran, sein Vater hatte nämlich nach eineinhalb Jahren erneut geheiratet und sein jüngerer Halbbruder Vinzenz sollte 1874 den Brühwirt erben.

Tochter 3
Anna, die von ihrer Tante zu einem gebildeten Stadtmädchen erzogen werden soll und am Krankenbett ihrer Mutter sterben wird.
Die dritte Tochter Anna (*~13.03.1803) hat ihre Mutter wohl am wenigsten erlebt. 1811 – die Halbwaise ist gerade mal acht Jahre alt – schickt Anna ihre gleichnamige Tochter zum Kuraten in Platt, Magnus Prieth (1783–1832), als Haushaltshilfe. Von 1815 bis 1825 lebt sie in Brünn bei ihrer Tante Maria Ladurner (02.01.1782–17.07.1845), die eine Schwester ihrer Mutter ist und unter dem geistlichen Namen Cordula im dortigen Ursulinenkloster weilt. Anna bekommt eine “städtische Erziehung” und kehrt 1825 als 22-Jährige für fünf Jahre an den Sandhof zurück. In dieser Zeit schreibt der Landrichter von Passeier, obwohl Anna in “guten Häusern” in Österreich gelebt habe, könne ein Menschenkenner sehen, dass ihre Bildung nur Scheinbildung sei und der “Urstoff” einer Wirtstochter überall herausblicke. Anna lebt dann von 1830 bis 1835 in Wien, während dieser fünf Jahre sterben in Passeier ihre drei Schwestern Rosa (1832), Gertraud (1834) und Maria (1835). Zu Annas Aufenthalt in Wien ist bislang nichts Weiteres bekannt, auch nicht ob sie Kontakt zu ihrem Bruder Johann hat, der 1834 mit seiner Familie dorthin übersiedelt ist und einen k.k. Tabak-Hauptverlag führt. Als ihre Mutter Anna erkrankt, kommt die ledige Tochter im Herbst 1835 wieder heim, um sie zu pflegen. Vielleicht hat sie sich auch um die drei kleinen Töchter ihrer im Juli verstorbenen Schwester Maria gekümmert.
Zu dieser Zeit lässt die alte Mutter ihr Testament aufsetzen, in dem Anna 970 Gulden zugesprochen werden und zusätzlich 1.000 Gulden in bar für die geleistete Krankenpflege und gezeigte kindliche Liebe. Weiters sollte sie das Mobiliar und die Kleidung und Wäsche der Sterbenden zur freien Wahl erhalten und ein “Gastzimmer” am Sandhof immer zur Verfügung stehen. Doch dann erkrankt diese letzte noch lebende Tochter und stirbt am 28. November 1836 an “Lungensucht” (evtl. Tuberkulose). Wer sich danach um die kranke Hoferwitwe kümmern musste, ist nicht bekannt, vielleicht deren siebenjährige Enkelin und Halbwaise Maria Erb. Anna Ladurner stirbt jedenfalls acht Tage nach dem Tod ihrer Tochter an “Entkräftung”.

Tochter 4
Gertraud, die als einzige Tochter nach dem Tod ihres Vaters die trauernde Mutter erlebt.
Die jüngste Tochter Gertraud (*~15.02.1805) wird mit fünf Jahren Halbwaise: Eine knappe Woche nach ihrem fünften Geburtstag erschießt man Andreas Hofer in Mantua – dass ihr Vater tot ist, erfahren die Kinder (wie auch die Ehefrau Anna) allerdings erst Wochen später. Während Gertrauds ältere Schwestern bald darauf in geistliche Obhut gegeben werden, bleibt sie als Nesthäkchen wohl bei ihrer Mutter am Sandhof. Über diese Zeit ist bislang nichts bekannt. 1819/20 scheint in den Protokollen der “Englischen Fräulein” in Meran eine Gertrud Hofer, 15 Jahre als “Kostgängerin” auf, sie ist am 9. September 1820 in die dritte Klasse eingetreten. Das Alter würde passen, auch die Angabe im Feld zum Beruf des Vaters bzw. zur Herkunft: Wirth, Leonhart. Dann finden wir erst wieder 1830 Einträge, und zwar in den Kirchenbüchern der Pfarre St. Leonhard: Gertraud heiratet mit 25 Jahren den Mesner Johann Haller von St. Leonhard und bekommt drei Kinder: Anna, Johann und Georg. Ein halbes Jahr nach der letzten Entbindung stirbt sie, mit 29 Jahren, im Sterbebuch ist “Leberleiden” als Todesgrund angegeben. Somit ist sie die einzige Hofertochter, die ihren 30. Geburtstag nicht mehr erlebt, ihre Schwestern sind immerhin 38, 32 und 33 Jahre alt geworden. Vier Monate nach ihrem Tod stirbt der zweitgeborene Sohn Johann im Alter von zwei Jahren. Der jüngste Sohn Georg wird dann wieder einen Bezug zum Sandhof haben, an dem seine Mutter aufgewachsen ist: Er ist zunächst wie sein Vater Mesner von St. Leonhard (vulgo Messner Jörgl), wird dann dort Postmeister und als 1890 die Tiroler Matrikelstiftung den Sandhof erwirbt, wird er dessen Pächter.


Na? Wer ist für euch die Favoritin?


 

Auch wenn das Libretto erst geschrieben und eine Finanzierung gefunden werden muss (oder gar aus der Oper nichts werden sollte), Ulrike Haller und das Museum freuen sich auf geschichtliche Hinweise, aber auch über Anregungen fürs Drehbuch.

 
Quellen: 
Die Angaben stammen, sofern nicht angegeben, aus Kirchenbüchern und dem Kapitel “Das weitere Schicksal des Sandhofs und der Familie Hofers” in Oberhofer Andreas: Der Andere Hofer. Der Mensch hinter dem Mythos. Innsbruck 2009 (S. 363–395).
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Milchreis im Krieg

Die Feldpost des Romedius Ebner.

Vom Arzt Romedius Ebner (1886–1967) haben sich mehrere Porträtfotografien erhalten, die im MuseumPasseier aufbewahrt werden. Foto: MuseumPasseier.

Die Feldpost des Romedius Ebner.

Von Judith Schwarz


Der Teufel steckt im Detail. Will heißen, wir haben eine vermeintliche Kleinigkeit unterschätzt. Die Kleinigkeit ist der schriftliche Nachlass der Familie Ebner aus St. Leonhard, den wir im Jänner 2023 kurz vor dem Abriss des Doktorhauses erhalten haben.

Eigentlich sind es nur 30 Zentimeter. So hoch ist der Stapel an 320 Briefen und Ansichtskarten, 200 haben wir im Laufe des letzten Jahres gesichtet. Nun wär auch der Rest zu lesen bzw. vielmehr zu entziffern, aber im Gegensatz zu Papier sind wir nicht geduldig.

Also schlagen wir dem oben erwähnten Teufel ein Schnippchen: Wir tun so, als wären wir schon durch. Und veröffentlichen in diesem Blog die ältesten Dokumente, die Feldpost des Ersten Weltkrieges. Die lässt sich zeitlich schön eingrenzen und Romane hatte man auf den vorgefertigten Postkarten eh nicht Platz.

Verfasst hat die Briefe und Postkarten der junge Arzt Romedius Ebner (1886–1967). Bevor er Gemeindearzt im Passeier wurde, hatte er als Assistenzarzt im 4. Tiroler Kaiserjäger-Regiment gedient. Jetzt möchte man meinen, im Doktorhaus lagerte die Feldpost, die der Arzt im Krieg erhalten hat. Doch es ist umgekehrt: Es sind jene Schreiben aufbewahrt worden, die er selbst verschickt hat.

Liebe Mutter! Lieber Bruder! So beginnt er seine Briefe, die er entweder an seine verwitwete Mutter Barbara Knoll richtet oder an seinen einzigen Bruder Hans. Beide lebten in Schlanders im Vinschgau – da die zwei vor ihm verstorben sind, sind die Schriftstücke wohl nach Passeier gekommen und dort im Doktorhaus verblieben. Die Schreiben starten im August 1914 und enden im Dezember desselben Jahres, also lange bevor der Erste Weltkrieg aus sein wird.

Zwölf Schriftstücke erzählen also von Romedius’ ersten Kriegsjahr. Und ungefähr ein Dutzend Mal wandeln sich auch die Eindrücke in seinen Berichten im Laufe dieser vier Monate: Kriegsbegeisterung – Kriegsoptimismus – Kriegsungeduld – Kriegsmüdigkeit, die Reihenfolge scheint beliebig. Von Kriegsgrauen oder Kriegskritik lesen wir nichts, allerdings wissen wir auch nicht, wie stark der Assistenzarzt die Zensur fürchten musste oder seine Familie schonen wollte – und auch was diese eventuell zwischen den Zeilen herauslesen konnte. Der Teufel steckt also tatsächlich im Detail.


“… mit Blumen überschüttet in der Hauptstadt Ungarns”

Die früheste Feldpostkarte datiert mit 16. August 1914. Romedius schreibt aus Budapest an seine Mutter in Schlanders “herzliche Grüße vom Russischen Feldzug”.

Budapest, am 16. Aug. 14
Liebe Mutter!
Von einem unbeschreiblichen Jubel der Ungarn empfangen und mit Blumen überschüttet in der Hauptstadt Ungarns angelangt. Die Reise dauert noch 3 Tage u. Nächte, aber trotzdem ist die ganze Mannschaft riesig begeistert. In Hopfgarten habe ich die Frau Pirader [
?] gesehen. Euch beiden recht herzliche Grüße vom Russischen Feldzug
Romed.

E 103 Postkarte (Feldpostkorrespondenzkarte)
Poststempel vom 17.08.1914, Budapest Hh 62 hh. 
Romedius Ebner, Feldpost 98 (4. T. K. J. Rgt.) 3 B., an seine Mutter Barbara Knoll, Schlanders, Tirol Vintschgau, b. H. Kaufmann Jos. Pegger

“Wichtiges habe ich ja nicht geschrieben”

Der nächste Brief – eine gute Woche später – geht an seinen Bruder Hans. Wir lesen heraus, dass er bereits mehrere Karten an seine Familie verschickt hat, vielleicht mehr aus Pflichtbewusstsein, denn er gibt selbst zu, dass er wenig Schreibstoff hatte.

24. August 1914
Lieber Bruder! Mir geht es vorderhand nicht allzu schlecht. – müssen schnell wieder weiter!
4. Sept. 14
Habe jetzt Euren lieben Brief erhalten und werde euch, sobald wieder Post weg geht, weiteres schreiben, das meiste kann ich nur, wenn ich wieder nach Hause komme erzählen, worauf ich mich schon riesig freue; vielleicht dauert’s doch nicht mehr allzu lange. Tut´s euch meinetwegen nicht allzu viel sorgen, denn im Vergleich zu den anderen geht’s mir doch ziemlich gut, aber es hat Zeiten gegeben, wo es mir noch besser gegangen ist; ich weiß nicht, ob ihr alle Karten erhalten habt. Wichtiges habe ich ja nicht geschrieben.
Unserer lieben Mutter und Dir recht herzl. Grüsse
Euer Romed.

E 106 Postkarte (Feldpostkorrespondenzkarte)
Poststempel vom 12.09.1914, k.u.k. 4. T.J.R.10. Feldkomp. 
Romedius Ebner, Assistenzarzt 4. Tirol. K.J.Rgt. 3. Bain., Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders, Tirol Vintschgau 

“Bärtig und schlank sind wir beide geworden”

Der nächste Brief, der erhalten ist, datiert erst einen Monat später. Es ist Mitte September und Romedius wird ungeduldig. Wie die meisten geht er davon aus, dass die Sache – er meint den Krieg – vor Weihnachten vorbei sein sollte.

20. Sept. 14
Meine Lieben!
Es ist heute der erste Rasttag seit Begin[n] des Feldzuges; aber wahrscheinlich geht’s Nachmittag trotz des Regens wieder weiter. Ich hätte mich ganz gut in einem polnischen Bauernhäuschen einquartiert und mir auch schon Milchreis und andere Raritäten gekocht, um mich für den Entscheidungsschlag wieder zu stärken. Insofern ging es wieder besser. Der Belligoi lebt auch noch, aber bärtig und schlank sind wir beide geworden. Wie geht’s den[n] Euch im[m]er. Lasst’s doch wieder einmal was hören. Wie steht den[n] die Sache in Tirol? Ich wäre schon sehr froh, wen[n] bis Ende Oktober oder Mitte November die Sache erledigt wäre; die Deutschen werden’s schon machen.
Auf einen guten Ausgang hoffend grüßt Euch herzlich
Euer Romed.

E 098 Feldpostkarte 
Poststempel vom 21.09.1914, k.u.k. Feldpostamt 98, k. und k. 4. Regiment der Tiroler Kaiser Jäger 12. Feld-Kompanie 
Romedius Ebner, Assistenzarzt, 4. T.K.Jg.Rgt. 3. B., Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders Tirol Vinschgau 

“Der Magen wird auch schon ein bisschen empfindlich”

Im Brief an seine Mutter spürt man Unmut – es ist nicht nur der Magen, der verstimmt ist.

25. Sept. 1914
Liebe Mutter!
Gott und die Deutschen werden uns helfen und so wird es wohl auch hoffentlich nicht mehr lange dauern kön[n]en; in ganz kurzer Zeit muß der große rußische Schlag und damit die endgültige Entscheidung erfolgen. Ich hoffe, daß ihr beide wohl auf seid; mir geht es im allgemeinen nicht schlecht; nur den Verlust meines Pferdchens hab ich noch nicht verschmerzt, zumal ich jetzt diese entsetzlich tief kotigen Wege zu Fuß machen muß. Der Magen wird auch schon ein bisschen empfindlich. Einige Wochen wird er’s noch aushalten.
Mit herzlichen Grüßen Euch beiden!
Euer Romed.

E 103 Feldpostkarte 
Poststempel vom 27.09.1914, k.u.k. Feldpostamt 98, k. und k. Regiment der Tiroler Kaiser Jäger 12. Feld-Kompanie 
Romedius Ebner, Assistenzarzt, 4. T.K.Jg.Rgt. 3. B., Feldpost 98, an seine Mutter Barbara Knoll, Schlanders Tirol, Vintschgau, bei Herrn Kaufmann Jos. Pegger

“… zu einem selbst gekochten Milchreis ecc.”

Ende September klingt der Krieg sehr allgemein und der Schlusssatz versprüht Optimismus.

28. Sept. 14
Lieber Bruder!
Gestern Abends Euren liebevollen Brief erhalten; herzl. Dank dafür. Zeitweise geht es jetzt in manchen Punkten (Verpflegung, Feldpost ecc.) etwas besser. Im allgemeinen die alte Wurstlerei, die hoffentlich bald ein Ende nehmen wird. Komme jetzt öfter mit Schlauch zusammen, zu einem selbst gekochten Milchreis ecc.
Bald werden die entscheidenden Kononen donnern.
Herzl. Grüsse Euch beiden
Romed.
Schlauch

E 107 Feldpostkarte 
Poststempel vom 28.09.1914, k.u.k. Feldpostamt 98, k. und k. 4. Regiment der Tiroler Kaiser Jäger 12. Feld-Kompanie 
Romedius Ebner, 4. T.K.Jg.Rgt. 3. B., Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Statth. Konzpst. Bez. Hptmsch. Schlanders Tirol Vinschgau 

“Ich lechze nach einem kräftigen Schluck Tirolerwein”

Plötzlich ist nicht nur Oktober, sondern erstmals lesen wir etwas genauere Schilderungen und von Kriegsdetails, die uns Romedius bislang verwehrt hat.

6. Okt. 14
Lieber Bruder!
Heute waren wir in einem galiz. Städtchen einquartiert, das teils von eigenen Truppen teils von Kosaken vollständig ausgeplündert wurde; gestern seien hier noch Kosaken gewesen; mit den Marschbattalionen sind auch einige Bekannte bei unserem Regiment eingetroffen, der kleine dicke Wassermann, Vinatzer, Tiefentaler-Wirt.
Infolge der Ausplünderung steht unser Wohlbehagen etwas im argen; nicht das geringste an “Genuss”-Mitteln ist zu bekommen; ich lechze nach einem kräftigen Schluck Tirolerwein, denn dieses Wasser ist immer noch meine schwache Seite. Heute hab ich mich im Familienzimmer des Bürgermeisters von Przeclav bei Tarnow einquartiert, und mein Diener kocht mir gesottene Kartoffel u. Tee ohne Rum u. Zucker. Ist die Schlacht vor Paris noch nicht vorüber? Ansonsten bin ich gesund.
Herzliche Feldzugsgrüsse Dir u. der Mutter.
Euer Romed.

E 100 Postkarte (Feldpostkorrespondenzkarte)
Poststempel vom 13.10.1914, k.u.k. Feldpostamt 98 
Romedius Ebner, Assistenzarzt 4. Rgt. T. K. Jg. 3. B. Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders, Tirol Vintschgau 

“Der November wird wohl noch vorübergehen…”

Ebenfalls im Oktober schickt Romedius einen langen Brief an seine Mutter, in der er ihr die Lage vor Ort schildert. Waren bislang ein fehlendes Reitpferd oder Mangel an Tiroler Wein die größte Sorge in Romedius’ Briefen, so schreibt er nun erstmals von Schwarmlinie, feindlichen Kugeln und Artilleriegeschoßen. Und an seine üblichen “Herzliche Grüße” hängt er diesmal noch einen ausdrücklichen Wunsch an.

27. Okt. 1914
Liebe Mutter!
Jetzt machen sich, besonders in manchen galizischen Orten, bereits die Folgen des Krieges in trauriger Weise bemerkbar; Tirol wird sie noch recht gewahr werden, wenn die kümmerlichen Überreste der nicht so mächtigen Tiroler Regimenter wieder nach Hause kommen. Hier müsste die Bevölkerung verhungern, wenn nicht ärarisches Mehl verteilt würde. Kein Handvoll Zucker und kein Handvoll Salz in der ganzen Stadt. Die kleinen Kinder keinen Tropfen Milch.
Unsere Verpflegung fürwiederum ist zur Zeit ganz gut. Wir sitzen jetzt schon einige Zeit am San (in der Nähe der Weichselmündung), die Russen auf einige hundert Schritte gegenüber, beide in die lehmige Erde eingegraben, wo den Soldaten durch Laufgräben das Essen zugetragen wird, und wo sie oft mehrere Tage und Nächte verbringen, bis sie zu einer kurzen Rast in der halbzerschossenen Stadt, von der ich euch schon geschrieben habe, abgelöst werden.
Heute habe ich auf Anordnung des Brigadekommandos meinen Hilfsplatz bis ganz nahe an die Schwarmlinie vorgeschoben; die feindlichen Kugeln, die des Abends immer zahlreicher werden, schlagen vor unseren kleinen Häuschen, in dem wir uns niedergelassen haben, ein. Ich bin sie schon so gewohnt, daß ich mich gar nicht mehr umschaue, wenn neben mir eine einschlägt.
Im Gegensatze zu diesem Säuseln und Pfeifen der mitunter so ruchlosen Kugeln erfüllt mich der unheimliche Metallklang der Artilleriegeschosse mit Ungemütlichkeit; doch scheint zum Glücke der armen Kerle, die es treffen würde, auf beiden Seiten Munitionsmangel zu herrschen, der November wird wohl noch vorübergehen. Ich fühle mich sonst andauernd wohl, trotzdem ich mich oft über vieles ärgern sollte. Euch beiden herzliche Grüße!
Hoffentlich geht die heutige Nacht nicht allzu blutig vorüber!
Romed.

E 165 Brief (Doppelblatt)
Romedius Ebner an seine Mutter Barbara Knoll

“so könnten wir monatelang wie die Maulwürfe einander gegenüberliegen”

Zwei Tage später ergeht ein ähnlicher Bericht an den Bruder.

29. Okt. 1914
Lieber Bruder!
Meine Zahl. für November (300 Kr.) habe ich an Dich adressieren lassen, damit ich nicht soviel mit mir herumtragen muß; sei so gut und lege sie mir in Schlanders ein. Ich bekom[m]e zwar zweitweise einige Reichspost-Num[m]ern, die ich abbon[n]iert habe, aber im[m]er um 14 Tage später; wen[n] nicht bald von Paris oder Warschau aus eine Entscheidung kom[m]t, so kön[n]ten wir noch monatelang hier am San (Roswradow) wie die Maulwürfe einander gegenüberliegen, wen[n]s nicht allmählich am nöthigen Soldaten-Materiale mangeln würde. Die mondhelle Nacht ist erfüllt von dem Knattern der Gewehre, deren Kugeln sich bis zu unserem Häuschen verirren und dem Aufblitzen und dumpfen Rollen der Kanonen und schweren Haubitzen. Habe schon längere Zeit kein Schreiben von Euch erhalten.
Herzliche Grüße Romed.

E 093 Postkarte (Feldpostkorrespondenzkarte)
Poststempel vom 30.10.1914, k.u.k. Feldpostamt 98 
Romedius Ebner, Assistenzarzt, 4. Rgt. T. K. Jg. 3. B. Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders, Tirol Vintschgau 

“Jedenfalls wird der Krieg noch längere Zeit dauern”

Romedius schätzt die weitere Kriegsdauer nun realistischer ein, und wirkt dabei gleichzeitig optimistisch. Vielleicht weil er nun wieder “ein Pferdchen” hat, nachdem er – seinem Brief im September zufolge – gut eineinhalb Monate ohne Reitpferd auskommen musste.

11. Nov. 14
Lieber Bruder!
Herzlichen Dank für Eure lieben Briefe, auf die ich mich schon lange sehnte und aus denen ich mit Freude entnahm, daß es Euch gut geht. Ich bin mit meinem Befinden auch ganz zufrieden, zumal ich seit einigen Tagen wieder ein Pferdchen habe. Wie die Situation jetzt steht, dürftest du schon so ziemlich erken[n]en, aber ich glaube, es wird sich schon noch was machen lassen; jedenfalls wird der Krieg noch längere Zeit dauern. Was macht Rumänien? Wir werden vielleicht endlich einmal aus Galizien fortkom[m]en, der Winter wird schon vorübergehen. Zeitung habe ich von dir keine erhalten, es funktioniert in so kritischen Wochen die Post nicht.
Herzliche Grüße Dir u. der Mutter und den Hausleuten.
Romed.

E 096 Postkarte (Feldpostkarte)
Poststempel unleserlich, k.u.k. Feldpostamt 98 
Romedius Ebner, Assistenzarzt 4. T. Jg. Rgt. 3. B. Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders, Tirol, Vintschgau
 

“wegen Blähhals mit starken Athembeschwerden”

Vier Tage später schreibt Romedius erneut an den Bruder, vor allem weil er fürchtet, dieser könnte (trotz Freistellung aufgrund eines Kropfes) doch noch einrücken müssen.

15. Nov. 14
Lieber Bruder!
Von Offizieren, die jetzt von Tirol wieder zu uns eingerückt sind, habe ich erfahren, dass jetzt Nachstellung für alle bisher Militärbefreiten stattfindet. Du wirst wohl unter allen Umständen dich frei halten, zumal Du in Deiner jetzigen Stellung der Sache mehr dienen kannst und es dir jetzt durch die Bez[irks] H[au]ptmannschaft leicht sein muss frei zu bleiben weg[en] “Blähhals mit starken Athembeschwerden”.
Die gute Mutter wäre sonst ganz allein und ich wäre in ständiger Besorgnis. Wir haben uns jetzt wieder einige Tage erholt und sind (Weichselrichtung bis Krakau) sehr gut mit allen möglichen Esswaren (Chokolade ecc.) versorgt worden. Mehlspeisen und ein Glas Tirolerwein gibt´s hier im Felde leider nicht, wohl hat mir gestern ein Offizier, den ich am 28. Aug. verbunden habe, und der wieder zu uns eingerückt ist, eine Flasche Traminer gebracht. Die hat es gestern schon glauben müssen. Die Reichspost, die ich abboniert habe, erhalte ich bei Raststationen sehr fleißig, gestern eine Nummer von vor 4 Tagen. Du könntest vielleicht so gut sein und an die Redaktion (Wien VIII. Strozzigasse 8) gelegentlich eine Karte schicken und schreiben, daß man vorderhand dir die Rechnung schicken möge, da ich von hier kein Geld weg schicken kann. Hast du meine 300 Kronen erhalten?
Jetzt scheint erst der Krieg in den Kolonien loszugehen, da können wir noch lange auf einen Friedensschluss warten. Sollte unser Feldpostamt 98 für Pakette wieder zugänglich werden, so bitte ich nur vor allem 1 Paar große, warme Handschuhe zu schicken (größer als 350 gr. darf scheints so ein Päkttchen nicht sein) mit dem übrigen wäre ich vorderhand ganz gut versehen. Starke Schuhe täte ich brauche, aber das lässt sich auch schwer durchführen. Der arme Schlauch hat nicht einmal Handschuhe! Ich würde ihm dann meine alten geben, wenn er nicht vorher in ein Spital abgeht. Mir geht es sonst ganz gut; habe gestern mich und mein zusammengeschrumpftes Battallion gegen Cholera geimpft. Schreibe mir bald wieder und berichte mir, was es Neues gibt.
Dir und der Mutter herzliche Grüße!
Euer Romed.

Auch an die Hausleute und übrigen Bekannten beste Grüße!

E 101 Brief (Kuvert, Doppelblatt, Einzelblatt)
Poststempel vom 20.11.1914, k.u.k. Feldpostamt 98 
Romedius Ebner, Assistenzarzt 4. T. Jg. Rgt. 3. B. Feldpost 98, an seinen Bruder Hans Ebner, Schlanders Vintschgau, Tirol

“Ein Hemd, eine Unterhose und einige Taschentücher könnte ich wohl brauchen…”

Es wird Dezember und Romedius schreibt wieder einen ausführlichen und zudem bewegenden Brief an seine Mutter.

Feldspital 4/14, am 7. Dez. 1914
Liebe Mutter!
Herzlichen Dank für Euren Brief; mein mitunter eilfertiges Schreiben müßt Ihr entschuldigen, da ich oft in aller Eile, wenn gerade ein Briefbote zur Hand ist, einen Feldgruß nach Hause sende.

Die Situation steht hier ganz gut (vorderhand […]). Wir haben die Russen, denen besonders zu die zu unserer rechten Seite einzuziehende deutsche Division viele Tausende von Gefangenen […] über die schönen Karpathen-Höhen vertrieben und unsere Artillerie fährt gerade bei dem kleinen Häuschen vorbei um sie zu verfolgen, in dessen dunkler und kleiner Küche wir den Operationssaal unseres Feldspitales einrichteten.
Alles ist schon vorausgezogen, nur der Feldkaplan und ich sind noch als letzte zurückgeblieben, um den sterbenden Jägerhauptmann im Nebenzimmer nicht allein zu lassen. Während draußen das dumpfe Grollen des Geschützdonners sich mit dem Tohne des Nordwindes vermischt, sitzen wir beide still bei dumpfen Kerzenschein in der verlassenen Küche. Vom berüchtigten nordischen Winter haben wir bis jetzt noch nicht viel gespürt, weder Schnee noch besondere Kälte war uns bisher beschert; zwar die tapferen Jäger, die in der Nacht dem Feinde auf freiem Felde gegenüberliegen, die haben die Kälte schon gespürt, die übrigens von den Russen nicht um ein Haar besser vertragen wird als von unseren Leuten, die jetzt ganz gut ausgerüstet daherkommen; von den alten Feldsoldaten, die im Sommer ausgezogen sind, dürften ohnedies nicht mehr viele da sein.
Unser Freund Belligoi liegt verwundet im Reserve Spital in Bielitz; ich hab ihn schon für gefangen gehalten, denn seine Kompanie ist fast gänzlich in russische Kriegsgefangenschaft geraten vor Krakau. Nachträglich erfuhr ich von Bachlechner, daß ihn eine Schrapnellkugel getroffen habe. Platter Frz. und Berger sollen auch marod in irgendeinem Spitale sein. Bezüglich der Wäsche bin ich für das Wichtigste schon versehen. Ein Hemd, eine Unterhose und einige Taschentücher (und ein Zahnbürstl) könnte ich wohl brauchen, da mein Koffer so weit zurück und noch beim Regiments-Train ist, daß man viele Wochen nicht dazu kommen kann.
Wir haben unsere wichtigsten Sachen in Rucksäcken, die wir mit den D
[…] auf einem unserer Wägen auflegen beim Weitermarsch. Aus der Reichspost habe ich ersehen, daß Stadt und Festung Belgrad in unserem Besitze ist. Wie die Sache in Frankreich steht, wird noch weniger bestimmt erscheinen können, obzwar die Franzosen auch schon völlig erschöpft sein müssen. Die Russen werden noch an unserer Hartnäckigkeit zum Falle kommen.
Das gebe Gott!
Mit herzlichem Gruße Euch beiden
Romed.

8. Dez.
Heute wieder massenhaft Gefangene gemacht. Unsere Leute eilen im Sturmschritte den Russen nach. Eine Patroille von 2 Mann bringt gleich über 100 Russen zurück. Auf diese Weise könnte es noch gehen.
Romed.

E 083 Brief (Kuvert und zwei Doppelblätter)
Poststempel vom 09.12.1914, k.u.k. Feldspital 4/14 
Romedius Ebner an seine Mutter Barbara Knoll, bei Herrn Kaufmann Josef Pegger in Schlanders

“Die Sache scheint sich mächtig in die Länge zu ziehen”

Mit diesem Schreiben vom 15. Dezember 1914 (und Romedius’ vager Ahnung, dass er sich mit seinen ursprünglichen Schätzungen zu einem baldigen Friedensschluss mächtig verschätzt haben könnte) endet die Serie seiner Feldpostbriefe. Der Krieg wird noch bis November 1918 dauern.

15. Dez. 1914
Liebe Mutter!
Heute herrscht wieder ganz ungewohnte Ruhe; die Russen ziehen sich offenbar hier zurück. Wir leben hier in Lapanow ganz gemütlich; soeben ist die Zeitung von vorgestern eingetroffen. Die Sache scheint sich mächtig in die Länge zu ziehen.
Euch beide herzlich grüßend,
Romed.

E 001 Postkarte (Motiv: Krakow)
Poststempel vom 19.12.1914, k.u.k. Feldpost 98
Romedius Ebner, Assistenzarzt, Feldspital 4/14, Feldpost 98, an seine Mutter Barbara Knoll, b. H. Kaufmann Jos. Pegger 
 

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nachgeforscht MuseumPasseier nachgeforscht MuseumPasseier

Oczlon, wer?

Eine Kiste, ein Fotograf und viele Glasplatten.

Eine Kiste, ein Fotograf und viele Glasplatten.

 

Text: Judith Schwarz
Recherchen: Martin Bitschnau, Hermann Wenter, Manuel Thoma, Tobias Egger-Karlegger
Digitalisierung der Negative: Albert Pinggera

 

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zog ein Fotograf namens Alois Oczlon nach Passeier. Spuren im Tal finden sich in den Passeirer Kirchenbüchern und in einer einfachen Holzkiste mit seinem Namen als Absender.

„Inhalt: Platten!” steht als handschriftliche Notiz auf der Kiste. Und tatsächlich lagern in ihr 38 Glasplatten-Negative in Mittel- und Großformat, aber auch 13 Film-Negative und fünf Abzüge auf Karton. Eine bunt gemischte analoge Fotosammlung, allerdings in schwarz-weiß.

In dieser Holzkiste reisten vor Jahrzehnten zerbrechliche Glasplatten bzw. Fotonegative von St. Leonhard in Passeier an Herrn Josef Kaserer, Schmittmer in Tabland im Vinschgau. Zeitweise überließ die Besitzerin die Fotokiste dem Heimatpflegeverein Naturns-Plaus und anschließend dem MuseumPasseier zur Digitalisierung und Recherche. Die Schachtel mit den Glasnegativen in Großformat trägt den Namen Alois Oczlon Photograph St. Leonhardt Paseier und ist der einzige Hinweis auf den Fotografen. Von späterer Hand kam in schwarzer Tinte die Aufschrift Platten der Eltern hinzu. Eine weitere Verbindung zwischen Kaserer und Oczlon haben wir noch nicht gefunden. Fotos: MuseumPasseier.

 

Sind es die Aufnahmen von Alois Oczlon? Zumindest für die Glasplatten dürfen wir es annehmen. Auf deren Karton steht Herrn Alois Oczlon Photograph St. Leonhardt Paseier und sie sind passend nach der Jahrhundertwende entstanden. Ab 1910/11 war Alois Oczlon nämlich mit seiner Familie in Passeier ansässig. Das bezeugen die Kirchenbucheintragungen der Pfarre St. Leonhard bezüglich seiner Kinder.

Seltene Nachnamen sind für Recherchen ein Segen. So haben wir die Oczlon-Kinder schnell und eindeutig gefunden: Im Jänner 1911 wird der Sohn Heinrich Alois im alten Schießstand geboren, 1912 der Sohn Gottfried Angelus in einem gewissen Jagdenhaus, 1916 stirbt der zweijährige Sohn Innocenz an Masern im Bräuhaus.

Drei verschiedene Adressen in St. Leonhard? Und wo war das Labor (vielleicht auch Atelier) von Alois Oczlon untergebracht? Eine Aufnahme aus dem Besitz der Musikkapelle von St. Martin will es uns verraten: A. Oczlon, Fotograf ist auf dem Transparent am Balkon des Hauses zu lesen, um das sich Musikanten gruppiert haben. Monika Mader hat es aufgrund des Mauerrücksprungs und des auffallend nah dazu gebauten Holzgebäudes als den alten Schießstand in der Kohlstatt erkannt.

Musikanten unter dem Balkon des Alten Schießstandes in St. Leonhard mit Schild A. Oczlon Fotograf. Fotonachweis: Musikkapelle St. Martin in Passeier.

Alois Oczlon selbst stammt aus Znaim, damals Teil von Österreich-Ungarn, heute Tschechien. Martin Bitschnau hat ihn im Taufbuch der Stadtpfarre sv. Mikuláš (St. Nikolaus) entdeckt. Er ist am 02.06.1882 als Sohn eines niederösterreichischen Handschuhmachermeisters und einer Wiener Buchdruckertochter geboren. Im Jänner 1911, als er zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Ehefrau in den Passeirer Kirchenbüchern als Optiker und Fotograf auftaucht, ist er somit 28 Jahre jung. Seine Ehefrau, Notburga Raich (geboren am 10.01.1873), knapp 10 Jahre älter.

Notburga Raich, das klingt nach Passeirerin. Das wäre zumindest ein Grund, warum Oczlon nach Passeier gezogen sein könnte, so hofften wir. Mit dem angegebenen Geburtsdatum ist Notburga in den Passeirer Taufbüchern jedoch nicht zu finden. Wenigstens aber scheinen dort die Namen ihrer Eltern auf (Angelus Raich und Maria Schaffenrath), sowie dass ihre Trauung mit Alois Oczlon im Herbst 1907 stattgefunden hat, und zwar im fernen Zürich.

Stammte Oczlons Frau von dort? Manuel Thoma, der sich Oczlons Schwiegereltern vorknöpfte, fand ein Edikt im Boten von Tirol: Als Notburga sechs Jahre alt war, wurde über ihre Mutter die Kuratel (Vormundschaft) verhängt, sie stammte aus Oberperfuss nahe Innsbruck. In Folge fand Manuel auch Notburgas Geburt im Oberperfusser Taufbuch. Wie und wo Notburga Raich, die Tochter eines Hirten, dann den Optiker Alois Oczlon kennengelernt hat, wissen wir nicht.

Was gibt es in Zürich zu Oczlon? Esther Stofner vom dortigen Stadtarchiv hat im Bestand der Einwohner- und Fremdenkontrolle gefunden: Alois Oczlon wohnte in Lausanne, meldet sich dann am 26.03.1907 in Zürich an, auf den Tag genau sechs Monate später heiratet er Notburga Raich, gleichzeitig wird das am 19.07.1907 in Innsbruck vorehelich geborene Kind Rafael legitimiert. Ein Jahr später, am 30.03.1908, zieht die Familie nach Meran um, zumindest laut Einwohnerakten von Zürich. Es muss ein turbulentes Jahr gewesen sein.

Dabei kommen die Reisen als Wanderfotograf erst später. Alois Oczlon scheint in all den Zürcher Dokumenten “nur” als Optiker auf, im Gegensatz zu Passeier, wo man “nur” Fotograf liest und nichts von Optiker. Für das Adressbuch des Jahres 1908 hatte er sich in Zürich noch mit Oczlon-Raich, Alois, Optiker, V, Schneckenmannstr. 4 eintragen lassen – das klingt, als hätte er sich zum Umzug nach Meran im Frühling 1908 erst kurzfristig entschlossen.

In Meran dann ein merkwürdiger Eintrag. Im Adressverzeichnis der Kurstadt taucht er 1909 als Bäckergehilfe, wohnhaft in der Langen Gasse 307, auf (Villa Santele, heute Dante-Alighieri-Straße am Brunnenplatz in Obermais). Dass es ein Namensvetter ist, ist unwahrscheinlich. Eher, dass Oczlon als Optiker in Meran – neben dem optischen Institut Ludwig Graf – nicht Fuß fassen konnte. Und er möglicherweise zu dem Zeitpunkt auf Fotograf umgeschult hat.

Auch als Fotograf wird er Konkurrenz gespürt haben. Zu der Zeit beherrschen die Meraner Ateliers Bernhard, Ratschiller, Perckhammer usw. das Geschäft mit der Fotografie. Vielleicht zieht es ihn deshalb nach St. Leonhard in Passeier. Eine seiner ersten Fotografien im Burggrafenamt, die eine Auftragsarbeit gewesen sein muss, zeigt eine Schulklasse und wurde im Schuljahr 1909/1910 in Schenna aufgenommen. Auch eine Aufnahme von ihm von Saltaus aus dieser Zeit ist bekannt.

Wie lange bleiben die Oczlons in Passeier? Im Jänner 1911 lesen wir in den Passeirer Kirchenbüchern zum ersten Mal den auffälligen Nachnamen Oczlon, im Oktober 1922 bei Gottfried Oczlons Firmung in St. Leonhard zum letzten Mal. Ein Jahrzehnt Fotografentätigkeit ergab damals hunderte Aufnahmen. Wo mögen die restlichen wohl sein, die Alois Oczlon im Laufe von über zehn Jahren in Passeier gemacht hat? Wenn nicht die empfindlichen und zerbrechlichen Glasplatten-Negative, dann wenigstens die Abzüge auf Karton und Papier?

Was wir nicht vergessen dürfen: Oczlons Aufenthalt im Tal fällt in die Zeit des Ersten Weltkriegs, in den auch er einzurücken hatte. Ein Sohn von Heinrich Oczlon (1911–1993) gab uns die Information, dass sein Großvater von 1915 bis 1918 als Kriegsberichterstatter an der Südfront gewesen sein soll. Und er scheint in den Verzeichnissen der Militärakten als Heimkehrer auf: Oczlon Alois, Fotograf, Standschützenbataillon Passeier.

Dann half uns Pinterest weiter. Es existiert eine Tochter, Martha Oczlon, 1909 in Innsbruck geboren – so jedenfalls zu lesen in einem Pin von @amelia sunderbug, einer Nachfahrin von Martha, die nach Minnesota ausgewandert ist. Auf ihrer Pinwand “Portraits. Family and friends from the past” finden sich Familienfotos, zum Großteil der Jahre in Passeier.

Mein Louis! steht auf einer Porträtaufnahme eines jungen Mannes. Wir nehmen an, es ist Alois Oczlon. Die Fotos der Kinder zeigen sie in Reih und Glied vor einer Mauer, vor der Apostelkapelle in Hinteregg, mit der jungen Mutter Notburga Raich, die kleine Martha barfuß auf dem Boden sitzend beim Kartoffelschälen und dann wieder herausgeputzt im Pelz oder auch als Jugendliche in Festtagstracht am Ufer eines Baches.

Nach einem Jahrzehnt in Passeier zieht es Oczlon weiter. So taucht er 1922 in Brixen auf, später in St. Martin in Piccolein, St. Vigil in Enneberg und St. Johann im Pongau. Alois Oczlon stirbt am 10.11.1961 in Bruneck. Seine Frau, Notburga Raich, war bereits 1956 verstorben.

Noch mehr Rätsel als Oczlon selbst geben seine Fotografien auf. Wir vermuten, dass die Fotos insgesamt nicht miteinander zusammen hängen. Und mehr noch: Dass sie möglicherweise nicht alle von Alois Oczlon selbst stammen. Nichtsdestotrotz zeigen wir in diesem Blogartikel alle Aufnahmen aus der besagten Kiste:

  • Es sind durchwegs Studioaufnahmen von bürgerlich gekleideten Menschen vor Leinwandkulisse, entstanden sind sie vermutlich vor dem Ersten Weltkrieg. Es ist schwer vorzustellen, dass sie in Passeier aufgenommen worden sind. Vielleicht sind sie in Meran oder Innsbruck entstanden, vielleicht fotografierte Oczlon auch schon vor seiner Zeit in Südtirol und sie stammen aus Zürich oder Lausanne. Die jeweiligen Stadtarchive haben allerdings keine der abgebildeten Personen erkannt.

  • Diese sind unterwegs entstanden. Oczlon muss als Wanderfotograf das Burggrafenamt samt Vinschgau bereist haben. Die Aufnahmen zeigen Einzel- und Gruppenfotos sowie Schnappschüsse, die im Freien und hauptsächlich in dörflich-bäuerlicher Umgebung aufgenommen worden sind. Zeitlich passen sie sehr gut in die 1910er und 1920er Jahre, als Oczlon in Passeier ansässig war.

  • Sie stammen aus späterer Zeit, vermutlich aus den 1940er Jahren. Der Großteil der Fotos lässt sich im Vinschgau – Umgebung Tabland – lokalisieren. Es ist denkbar, dass diese Aufnahmen später in die Holzkiste gelangt sind – nämlich als diese beim Schmittmerhof in Tabland aufbewahrt worden ist – und auch nicht von Oczlon stammen. Dasselbe gilt für die fünf Fotopositive auf Karton, die teilweise sogar Fotografen- bzw. Verlagsangaben aufweisen.

 

Gespannt waren wir natürlich auf die Fotos mit Passeirer Bezug. Hierzu haben wir nur einige wenige Fotos gefunden. Darunter auch eines vor dem Gasthaus Sandwirt.

Reiter vor dem Gasthaus Sandwirt

An der Straße vor dem Gasthaus Sandwirt, bzw. vor dessen Kellerzugang, steht ein Pferd mit Reiter, dahinter Schaulustige oder Gasthausbesucher*innen.

Mann in Passeirer Tracht

Weder Mann, noch Ort haben wir bislang enträtseln können. Der Mann mit Hahnfeder auf dem Hut und ohne Ehering ist wohl ein Mitglied einer Musikkapelle und posiert in einem Garten, vor ihm der Schnittlauch, hinter ihm ein Obstbaum.

UPDATE 15.12.2023:
Auf unseren Aufruf im Passeirer Blatt 04/2023 hin hat sich Marie Hofer von Breiteben gemeldet und den Aufnahmeort des Fotos lokalisiert: Es wurde auf der Rückseite des Gasthofs Breiteben gemacht, im Hintergrund ist das Frasnellihaus/Granielhaus zu erkennen. Beim jungen Mann handelt es sich wahrscheinlich um den Platterwirtssohn Josef Hofer, geboren am 02.03.1898 in Platt als Sohn des Johann Hofer und der Angel(ic)a Turri, gestorben am 17.01.1955 im Sanatorium Stefanie in Meran. Er hatte mit 27 Jahren am 25.05.1925 Filomena Hofer von Prisch geheiratet, etwa um 1920 (bzw. auf alle Fälle vor 1922, als das alte Gasthaus vollständig niedergebrannt ist) wird auch die Aufnahme entstanden sein.

Szene auf einer Wirtshaus-Veranda

Acht Erwachsene und ein kleines barfüßiges Mädchen auf einer Veranda, die Männer mit Biergläsern.

Manuel Thoma hat das Gebäude als Gasthaus Tirolerhof in St. Leonhard identifiziert, die Form der Ecksteine und die Anzahl der im Verputz angebrachten waagrechten Rillen stimmen mit anderen Aufnahmen überein.

Update 14.12.2024: Monika Mader hat die Sechste von links als Johanna Holzknecht (1882–1962, ab 1916 verheiratet mit Leonhard Kofler “Zëgg”) erkannt. Die stehende Frau dahinter ist laut Vergleich mit einem Sterbebildfoto Johannas gleichnamige Mutter, Johanna Santer (1852–1927, verheiratet mit Vinzenz Holzknecht), gebürtig aus Sölden.

Musikanten auf einer Bühne vor dem Gasthaus Breiteben

Das Schild “Gasthaus Breiteben 1892” gibt vor, dass es sich um das Wirtshaus vor Platt in Passeier handelt, rechts ist die Eingangstür mit Balkon darüber zu erkennen.
Auf der Kiste am Boden ist zu lesen: Hans Hörtmayr, Sodawasserfabrik MERAN. Laut Telefonverzeichnis von 1913 befand sie sich in der Passeirer Gasse.

Der stehende Geiger mit schwarzer Zipfelkappe und weißer Jacke taucht öfters auf Passeirer Fotografien auf, seinen Namen haben wir bislang aber noch nicht herausgefunden.

Gemischtwarenladen

Ein spannende Aufnahme. Ein Geschäft “k.k. Tabak-Verschleiss und Karten”, auf Werbeschildern werden Maggis Rindsuppe-Würfel der beste! und Caffee-Zusatz angepriesen. Am Fenster sieht man Weihbrunnenkrüge, Kerzenständer und Heiligenstatuen, in der Auslage Pfeifen, Suppenkellen und Uhren, neben der Tür links hängen Jacke und Hose, Ansichtskarten und Kleingeräte.

UPDATE: Im Mai 2024 hat Albert Pinggera das Geschäft im Vergleich mit einer Dorfaufnahme von St. Martin als den Krämerladen beim “Bildhauer” (“Schenk”, später “Handlung Pirpamer”, heute Sparkassa, Dorfstraße 31) identifiziert.

Gruppe und Paar beim Biertrinken

Die Aufnahmen stammen ebenfalls aus St. Martin (Dank an Albert Pinggera für den Hinweis): Die siebenköpfige Gruppe posiert vor dem Eingang zum Weinkeller des Gasthaus Unterwirt, das früher die Hausnummer 54 trug. Die zwei jungen Leute mit Bierkrügen befinden sich wiederum unmittelbar neben dem Gemischtwarenladen beim “Bildhauer”, direkt neben dem Unterwirt (vgl. vorherige Aufnahme).

Zitherspielerin mit Begleitung

An der Mauer hinter der fünfköpfigen Gruppe hängt ein Schild mit Abbildung und Benennung der Stettinerhütte, daher die Vermutung, dass das Foto in einem Gasthaus in Hinterpasseier aufgenommen worden ist.

Fotografie von zwei Fotografien

Vielleicht ein Paar, deren Aufnahmen von Meraner Studiofotografen jemand mit Reiszwecken ans Getäfel befestigt hat: Er als Landesschütze mit Schützenschnur, fotografiert von H. Perckhammer. Sie, mit weißgetupftem Kleid und weißer Krawatte, fotografiert im Studio der Gebrüder Ratschiller.

Der Frau sind wir beim vorherigen Foto “Zitherspielerin” schon begegnet.

Einige Fotos wurden offensichtlich in Kompatsch, in der Gemeinde Naturns aufgenommen.

Trattoria al Cervo (Gasthaus zum Hirschen)

Die unscharfe Aufnahme zeigt den Eingang zum Hirschenwirt in Kompatsch, Gemeinde Naturns. Das Gasthaus steht heute nicht mehr.

Erstkommunikantin vor einem Bauernhof

Im Hintergrund der Unterlaimhof in Kompatsch, Gemeinde Naturns. Das Wirtschaftsgebäude links steht heute nicht mehr.

Zwei Mädchen am Brunnen

Auch diese Aufnahme dürfte laut Hermann Wenter am Unterlaimhof entstanden sein.

Das Mädchen rechts im Bild ist womöglich die Erstkommunikantin vom vorherigen Foto.

Junge Frau in Festtagstracht

Die Ähnlichkeit mit dem größeren Mädchen auf dem vorherigen Foto legt nahe, es ist die selbe Person oder eventuell eine Schwester.

Kindergruppe im Freien

Die vier Mädchen im Vordergrund tragen alle dieselben Kittelschützen mit überkreuzter Borte am Halsausschnitt (ebenso wie das Mädchen rechts im Foto “Zwei Mädchen am Brunnen”).

Weitere Orte und Menschen konnten wir mit Hilfe einiger Gewährspersonen identifizieren oder zumindest Vermutungen anstellen.

Zwei Männer auf einer Wiese

Laut Hermann Wenter dürfte es sich im Hintergrund um den Ober- und Unterwetzelhof in Tabland handeln. Die Männer sind bislang nicht identifziert.

Vier elegante Radfahrer

Vier junge Männer, allesamt mit Krawatten, posieren mit ihren Fahrrädern vor der Lourdes-Kirche in Laas. Sie halten Hüte und Jackets in den Händen, im Hintergrund die 1896 eingeweihte Wallfahrtskirche mit rundem Glockenturm. Hermann Wenter meint im Vierten von links einen der Brüder Rudolf oder Alfred Dissertori zu erkennen.

Der Negativ-Film in schwarz-weiß ist teilweise doppelbelichtet: Der Film wurde nicht komplett gespult und deshalb überlappt sich rechts schon ein Teil vom nächsten Foto.

Ansicht von Marling

Es dominiert die markante Marlinger Pfarrkirche, die 1901 geweiht worden ist.

Petöfi-Haus an der Straße nach Dorf Tirol

Zwei Aufnahmen vom Petöfi-Haus, heute Hauptstraße 75, in Dorf Tirol.

Trotz unterschiedlicher Belichtung sind die Fotos am selben Tag aufgenommen, einmal mit und einmal ohne Menschen.

Zwei junge Männer im Anzug

Den jungen Mann links im Bild meint Josefine Plack (Jg. 1956) als ihren Onkel zu erkennen: Albert Plack von Tabland, geboren am 28.03.1921.

Junger Mann in Hosenheber mit Bierkrug

Zwei Aufnahmen vor dem selben Hintergrund, mit dem selben jungen Mann mit Streifenkrawatte.

Junge Frau mit Blume, junger Mann mit Zigarette

Waldhütte vor einer Säge

Im Vorder- und Hintergrund liegen Baumstämme und Bretterstapel, das langgezogene Gebäude links könnte ein Sägewerk sein. Die Gruppe wirkt wie eine Sommerfrischler-Familie.

Soldat vor gemalter Kulisse

Die Platte ist am unteren Rand beschriftet: Blaas Alois 6 Cab m.

Es ist möglicherweise das letzte Foto, das von Alois Blaas aufgenommen worden ist.
Auf seinem Sterbebild (das Porträtfoto dort ist ein Ausschnitt von dieser Studioaufnahme) finden sich die Angaben: Tierarzt in Naturns, der in dem Feldzuge gegen Rußland in Galizien sich eine tödliche Krankheit zugezogen hat und am 17. Dezember 1914 […] im 38. Lebensjahre […] in Naturns gestorben ist.

UPDATE 04.02.2025:
Armin Mutschlechner hat uns mitgeteilt, dass die Leinwandkulisse Innichen darstellt: “Rechts im gemalten Bildhintergrund das Außerkirchl (Heilig-Grab-Kapelle), ein Rundbau.”

Noch nicht lokalisiert und identifiziert sind die folgenden Abbildungen:

Ein junges Pärchen

Die Platte ist am unteren Rand mit der Ziffer 6 oder 9 und einem (später durchgestrichenen) Text beschriftet.

Frau mit fünf Paar Schuhen und zwei Kindern

Ein witziger Schnappschuss, extra für den Fotografen?

Junger Mann mit Zigarette vor Weinreben

Vielleicht ein Schnappschuss in einer Arbeits- bzw. Zigarettenpause im Weinberg?

Menschen in einer offenen Schmiede

Ein junger Mann am Amboss, in seinen Händen hält er Hammer und ein zuzuhauendes Kopfteil eines Beils. Zu seiner Linken ein Junge und eine lachende Frau.

Kessel und Kesselmacher

Vier Männer mit Hut inmitten von Kessel in verschiedenen Größen, drei Männer tragen Arbeitsschürzen.

Familienfoto

Bei dieser Glasplatte hat sich das Bildsilber vielfach aufgelöst. Zu erkennen sind in der rechten Bildhälfte eine Frau und ein Mann in Landler Tracht, vor ihnen drei Mädchen in hellen Kittelschürzen und weitere Kinder in der linken Fotohälfte.

Mann mit Mädchen auf dem Arm

Zwei Kinder auf Sessel vor schwarzem Vorhang

Familienfoto mit sechs Kindern

Die Familie vor dem Holzblockgebäude besteht aus Vater, Mutter, fünf Mädchen und einem Bub.

Vor der Pension Wastl

Auf den Holzbalken oberhalb der Fenster kann man PENSION WASTL lesen.

Frauen mit Kuh

Zwei Frauen mit Strohhüten vor einem Holzgebäude, man erkennt das Heu- bzw. Mistlager eines Stalles. Die ältere Frau hält eine helle Kuh am Horn, die junge Frau neben ihr (mit Ehering) trägt einen Heurechen. Von links hinten kommen ein Junge mit einem Huhn auf dem Arm und weitere Kleinkinder mit einer älteren Frau.

Straßenarbeiten mit Dampfwalze

Eine Dampfwalze mit geteilter Hinterwalze der Magdeburger Firma “John Fowler & Co”, die Angabe “17” könnte die Modellnummer sein. Der Kesselaufsatz stammt laut Aufschrift von “Dampf-Straßenwalzen Betrieb Bauer & Seif München”. Der an die Walze angehängte “Wohn- und Requisitenwagen”, an dessen Eingangstür eine junge Frau und ein Hund zu sehen sind, deutet darauf hin, dass sich der Arbeitstrupp an einem entlegenen Ort befand.

Frau und Mann beim Weintrinken

Hof am Steilhang

Diese Aufnahme fällt etwas aus dem Rahmen: Zu sehen sind keine Menschen, sondern ein Haus und Wirtschaftsgebäude mit Schindeldächern in steilem Gelände, im Hintergrund eine schroffe Felswand (eventuell die Mutspitze), im Vordergrund gestutzte Eschenbäume. Wenn es die Mutspitze ist, könnte es Pirpamegg bzw. Sticklwieser unterhalb von Vellau sein.

Bub mit Hut auf Holzstuhl

Frau mit Kleinkind am Schoß und Mann

Der Mann in gestreiftem Hemd und gestreiftem Anzug trägt einen markanten Gürtel, beim Kleinkind fällt die lange Halskette mit Kreuz auf, bei der Frau ist es der große Strohhut, dessen Form scherzhaft auch Kreissäge genannt wurde. Der Rindenverhau und der Hut tauchen auf dem nächsten Foto ebenfalls auf.

Frau mit Täufling

Frau mit Muttermal

Familienfoto mit Täufling im Garten

Die Mutter hält in ihrer Linken das Taufkind und einen Schnuller.

Mädchen im Partnerlook

Die etwas unterbelichtete Aufnahme zeigt zwei Mädchen in kariertem Kostüm in weißer Spitze, mit Krawatte und Faltenrock.
Das jüngere Mädchen, das auf einem Holzstuhl sitzt, trägt weißen Lackgürtel und Schühchen mit genagelter Sohle.

Mann mit Pfeife und Gewehr im Anschlag

Fünf Burschen und Männer auf einer Veranda

Die Landschaft im Hintergrund könnte die Katharinascharte von Hafling sein, Siegfried de Rachewiltz vermutet das Gasthaus Rimmele in Dorf Tirol als Aufnahmeort.

Frau in weißem Kleid

Mädchen vor Eingangstür

Obwohl das Mädchen weißes Kleid und Haarkranz trägt, scheint es kein Erstkommunionkind zu sein. In kecker Pose hält sie in ihrer Hand einen – wohl von der Kletterpflanze hinter ihr – abgerissenen Ast. Die Platte ist nummeriert mit 434, rechts unten sieht man deutlich, wie sich die fotografische Schicht – die Silbergelatine – von der Glasplatte gelöst hat.

 

Zu den bürgerlichen Porträts im Atelier haben wir noch keine Ergebnisse, weder was den Aufnahmeort bzw. die Kulissen, noch die abgebildeten Personen betrifft.

Junger Mann mit Stock und Melone

Junger Mann mit Zigarre und Melone

Sitzender Mann mit Schnauzer und Melone

Stehender Mann mit Schnauzer und Melone

Mann mit Zweireiher

Mann im grauen Anzug und Kinnbart

Mann mit Zylinder

Mann mit Franz-Joseph-Bart

Mann lehnt an Säulenattrappe

Mann mit Mütze “SLEEPING-CAR”

Josef Auer schreibt im Blog innsbruck-erinnert, in dem das Stadtarchiv um Mithilfe aufgerufen hat: "Ein schönes Beispiel für das Branding in der Zeit um 1900. Die Initialen WL finden sich auf der Mütze, den Knöpfen und wohl auch auf den Manschettenköpfen. Das Monogramm war das Logo der Compagnie Internationale des Wagons-Lits, dem seinerzeit größten Anbieter von Schlafwagenzügen auf dem europäischen Kontinent, u.a. auch des berühmten Orientexpress.”

Mann mit Mütze und Frau im schwarzen Kleid und Federhut

Frau in weißem Kostüm und Mann mit Melone

Mädchen und Frau mit Hund

Zwei Frauen

Zwei Männer, einer im Rollstuhl

Paar hinter gemalter Automobil-Kulisse

Mann und Frau an Zaunarrangement

Junge und Frau an Zaunarrangement

 

In der vorliegenden Sammlung finden sich zuletzt fünf Abzüge auf Karton, darunter auch dieses Porträt von Alois Blaas, mit Angabe O. KLOSE PHOTOGR. INNICHEN. Auf der Rückseite die handschriftliche Notiz: Gehört Anna Griner Naturns.

Porträt junger Landesschütze

Auch zu diesem Porträt bzw. Landesschützen hat Hermann Wenter das Sterbebild gefunden: Es handelt sich um Wendelin Kofler, Schuhmacher in Tabland, 1915 nach Verwundung in Galizien im Spital in Lemberg gestorben.

Drei Soldaten vor gemalter Studiokulisse

Frau mit Gebetsbuch

Soldat vor einer Holzbank

Auf der Rückseite (handschriftlich) gehört Rosa Wiedman[n] Unterwiemer und (Druck) O. Zwierzina Photo-Atelier Meran, Rennweg 27.

 
 

Wir freuen uns auf Fotodetektive,
die mit uns weiter über die Bilder und den Fotografen Alois Oczlon rätseln.

 

UPDATE 10.11.2023:
Walter Innerhofer aus Schenna hat uns die Rückseite einer Aufnahme von Alois Oczlon geschickt, wobei dessen Nachname hier ohne “c” gedruckt ist. Die auf der Vorderseite abgebildete Schulklasse ist im Dorfbuch von Schenna auf das Schuljahr 1909/10 datiert, demzufolge hatte unser Fotograf zu der Zeit wohl in Schenna sein Labor, bevor er nach St. Leonhard in Passeier gegangen ist.

 
 

UPDATE 22.11.2023:
Roland Unterweger vom Tiroler Landesarchiv in Innsbruck hat gefunden, dass Notburga Raich laut Meldeschein vor 1908 als Dienstmädchen in Innsbruck beschäftigt war.

Weiters: Im Exhibitenprotokoll, dem Geburtenbuch (S. 84, Nr. 981) und dem Verpflegtenbuch der Landesgebäranstalt Wilten von 1909 ist die Geburt von Martha Maria Oczlon bzw. Ozlon am 06.10.1909 (Nr. 991) eingetragen. Alois Oczlon ist hier als “Optiker bei St. Georgen b. Schönna” angegeben. Weitere Informationen aus diesen Büchern: Martha wird gefirmt in St. Leonhard in Passeier am 29.10.1922 und heiratet am 07.06.1941 in St. Johann in Pongau Erwin Josef Mutschlechner.

 

UPDATE 08.02.2024:
Univ.-Prof. Gertraud Fenk-Oczlon, eine Enkelin von Notburga Raich und Alois Oczlon, hat sich gemeldet und gab uns folgende Informationen und Fotos:

Mein Großvater, Alois Oczlon, ist in Znaim geboren und in Olmütz in Mähren mit sechs Brüdern und einer Schwester aufgewachsen. Sein Vater besaß dort eine Handschuh- und Bandagen Erzeugung. Nach abgeschlossener Optikerlehre arbeitete er – wie damals üblich – als Wandergeselle bei Optikern in Klausenburg, Brünn, Linz (Optik Geier 1902–1903), Meran (Optik Graf 1904–1906 und 1908–1910?), Lausanne (Optik Gautschy 1906/07), und Zürich (Optik Goldschmidt 1907/08). Diese Angaben habe ich von zahlreichen Ansichtskarten und Briefen, die an die Adressen in Klausenburg, Linz, Meran, Lausanne und Zürich adressiert waren.

Mein Großvater war ein begeisterter Bergsteiger, wie die Aufzeichnungen in seinem „Merk-Buch für Bergsport“ ab 1902 zeigen. Seiten aus dem Jahr 1904/05 verraten, dass er zu jener Zeit, als er im optischen Institut Graf in Meran gearbeitet hat, zahlreiche Bergtouren im und rund um das Passeiertal gemacht hat (Mutspitze, Hohenwilde, Rötelspitze, Roteck, Hirzerspitze etc.). Es dürfte ihm im Passeiertal so gut gefallen haben, dass er dort dann später (1910) einen Fotografenbetrieb gegründet hat. Während des Krieges war er unter anderem bei der k.k. Wach & Ersatzabteilung für Standschützen in Trient, bei der K u k Bergführerkompanie II sowie als  Kriegsfotograf im Einsatz.

Meine Großmutter, Notburga Raich, geboren in Oberperfuss, ist in Leins im Pitztal aufgewachsen und war als „Herrschaftsköchin“ unter anderem in Bristol, England (1896?–1903), Innsbruck (1904–1905) und Riva am Gardasee (1906) tätig. Ihr Vater Angelus Raich war zeitweise „Meisterjodler“ in England. Meinen Großvater hat sie angeblich in Innsbruck (Anfang 1905) in einer Gaststätte kennengelernt, in die er nach einer Bergtour eingekehrt war. Es war, so wird berichtet, Liebe auf den ersten Blick zwischen dem 22-Jährigen und der 32-Jährigen. Sie haben von da an viele gemeinsame Bergtouren und Ausflüge gemacht (z.B. auf die Hirzer Spitze, Spronser Seen) und auch am Gardasee, wo meine Großmutter ab 1906 in der Villa Miralago in Riva als Köchin gearbeitet hat. Meine Großmutter konnte gut Englisch, in ihrem Nachlass befinden sich viele englische Bücher mit handschriftlichen Anmerkungen und sie hat auch Ansichtskarten und Briefe an meinen Großvater in englischer Sprache geschrieben. Notburga Raich hat ihren Mann auch tatkräftig im Fotobetrieb unterstützt, Bestellungen und Korrespondenzen erledigt und retuschiert.

Ich habe mir einige der ca. 200 "Feldpostkorrespondenzkarten", die sich meine Großeltern in der Zeit während mein Großvater im Krieg war geschrieben haben, genauer angeschaut: Es zeigt sich, dass meine Großmutter neben Kindern und Haushalt tatsächlich den Fotobetrieb alleine weitergeführt hat, Bestellungen und Lieferungen für meinen Großvater im Rahmen seiner Arbeit als Kriegsfotograf erledigt hat – aber auch selbst Aufnahmen gemacht, entwickelt, vergrößert etc. hat.

Einige Auszüge von fünf Karten:

23.10.1916: Habe soeben Kasetten, Fachblatt u. Chemikalien zur Post gebracht. Hoffe das alles in gutem Zustand ankommt. Gläser und Blechdosen bewahre gut auf – von Cottbus ist nichts mehr gekommen, ich hab' nur wenige Karten mehr, Pater Christoph möchte auch welche. […]

11.10.1917: Während ich mit Dir in Meran war versäumte und vergaß ich hier 2 Aufnahmen zu entwickeln und hab' dadurch 3 Auf verdorben, weiss nicht ob sich's noch gut machen läst, das heisst: wenn mir die Leute ein 2tes mal kommen, schon. Das Objektivbrettl hat Pöhl fertiggemacht, nur ausschneiden kann er es nicht. [...]

04.01.1917: Habe fest im Sinn Kinder nach Leins zu geben anfgs. Mai. Bilder sind alle verliefert, war eine große Arbeit. [...]

18.01.1917: Habe viel Arbeit, was am meisten aufhält sind die Reproduktionen. Die vielen Misserfolge, glaube sind der Entwickler schuld. Werde diesmal noch Platten und Chemikalien von N.G.G. bestellen. [...]

21.02.1917: Heute kommt Näherin, – Holz ist keines zu bekommen, mit Apparat bin ich und manche Leute nicht zufrieden Bilder sind so klein. [...]

Auf einer weiteren Karte habe ich folgende Nachricht an meinen Großvater bezüglich der Wohnung in St. Leonhard gefunden:

24.10.1915: Im alten Schiessstand machen sie die Wohnung nicht leer u. ich will auf keinen Fall in den Schmutz anderer Leute hineinziehen;  – diese Woche kann die Hausfrau jeden Tag kommen und kein Mann ist zu bekommen die schweren Sachen hinunter zu bringen, hab gestern den „Rotschild" gefragt, vielleicht! […]

Notburga Raich mit Tochter Martha, die 1909 geboren ist. Die Aufnahme stammt von Alois Oczlon, die Originalplatte ist erhalten. Privatarchiv Familie Oczlon.

Alois Oczlon in Uniform, wahrscheinlich während seiner Tätigkeit als Kriegsfotograf zwischen 1915 und 1918. Die Aufnahme mit hohem Pflanzenhocker und Baumkulisse dürfte in Oczlons Studio im Alten Schießstand von St. Leonhard entstanden sein, da es weitere Platten mit demselbem Arrangement gibt. Demzufolge war vermutlich Notburga Raich die Fotografin. Familienarchiv Familie Oczlon.

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